In diesem Jahr sind etwa 450.000 Menschen in Deutschland neu an Krebs erkrankt. Etwa die Hälfte werde geheilt, sagte Otmar Wiestler, Chef des Deutschen Krebsforschungszentrums (DKFZ), in Heidelberg. Etwa 30 Prozent der Fälle werden mit dem Rauchen in Verbindung gebracht.

Das Rauchen werde künftig aber nicht mehr das Hauptrisiko für Krebs sein. Grund sei "die Zunahme des Übergewichtsproblems ", mit dem diverse Tumorarten verbunden seien, sagte Wiestler.

In Zusammenhang mit Übergewicht beobachten die Wissenschaftler eine wachsende Zahl an Speiseröhrenkrebs, Darm-, Brust-, Nieren- und Bauchspeicheldrüsenkrebs. Der genaue Mechanismus, wie Übergewicht die Entstehung und das Wachstum von Tumoren beeinflusst, sei noch nicht ganz klar. "Das ist ein wichtiges Thema für die Forschung in der nächsten Etappe", sagte Wiestler.

Trotz Rauchverbots und vieler Maßnahmen zur Aufklärung, werde gegen die bisherige Hauptursache für Krebs zu wenig getan. Der Wissenschaftler kritisierte, "dass die Politik letztlich dieses Laster unterstützt und nichts tut, um konsequent dagegen vorzugehen."

Wiestler erwartet insgesamt mehr Krebsfälle in Deutschland. Allerdings sei auch damit zu rechnen, dass durch neue Medikamente und zunehmend auf den Einzelnen abgestimmte Therapien mehr Menschen geheilt werden. Zum allgemein erwarteten Anstieg der Krankheitsfälle sagte der DKFZ-Chef, dieser habe mit dem Zugewinn an Lebensjahren zu tun. "Krebserkrankungen sind ja Krankheiten, die vor allem im höheren Lebensalter auftreten." Grund sei nicht, "dass jetzt neue Risikofaktoren für Krebserkrankungen auf uns einwirken, von denen wir bisher nichts wussten". Es werde aber – wie beim Übergewicht – Verschiebungen beim Spektrum der Risiken geben.

Eine gewisse Zunahme wird für alle Krebsarten beobachtet – mit Ausnahme der Erkrankungen bei Kindern. Auch dabei spielt die demografische Entwicklung eine Rolle. "Da wir bisher abnehmende Kinderzahlen haben in Deutschland, nimmt auch die Gesamtzahl an Krebserkrankungen im Kindesalter etwas ab", sagte er.

Die Forscher hätten inzwischen "bei der Mehrzahl aller Krebserkrankungen eine relativ gute Vorstellung", welche Veränderungen im Erbgut und in der Zelle abliefen. "Damit ist es möglich, Medikamente zu entwickeln, die genau an solchen Veränderungen angreifen".

Es gebe immer mehr von diesen Mitteln, die individuell eingesetzt werden könnten – je nachdem, ob der oder die Kranke die entsprechende Anlage aufweise. Denn der Krebs unterscheide sich auch innerhalb einzelner Formen – und müsse verschieden behandelt werden.

Die Mittel müssten außerdem mit einer Chemotherapie oder Bestrahlung oder miteinander und mit einer dritten Komponente kombiniert werden. "Das wird erlauben, dass man in Zukunft mehr und mehr die Krankheit Krebs in ein Stadium bringen kann, wo man viele Jahre gut damit leben kann – auch wenn man sie vielleicht nicht immer komplett heilen kann."