Es wird weniger geraucht, aber weiterhin viel getrunken – das ist das Ergebnis des Jahrbuchs Sucht 2011, das die Deutsche Hauptstelle für Suchtfragen in Berlin vorstellte. Der Geschäftsführer des Vereins, Raphael Gaßmann, nannte die Situation bezüglich des Alkoholkonsums "dramatisch". "Der Alkoholverbrauch bleibt entschieden zu hoch, zu riskant, zu folgenreich", sagte er.

Nach Ansicht des Vereins hat jeder fünfte Deutsche zwischen 18 und 64 Jahren ein Alkoholproblem. Zwar ging die jährlich konsumierte Menge reinen Alkohols leicht zurück, doch falle diese Entwicklung "zu gering" aus, um Gesundheitsschäden zu vermeiden.

Insgesamt schaden etwa neun Millionen Deutsche durch ihren Alkoholkonsum der eigenen Gesundheit: darunter fallen Trinkmengen, die der Leber schaden, bis hin zur echten Abhängigkeit. Die Zahl fasst demnach nicht nur Fälle von Alkoholismus zusammen, sondern auch die Fälle, bei denen ein Alkoholschaden vorliegt. Das Trinkverhalten der Deutschen entspricht ungefähr dem der vergangenen Jahre und liegt bei 9,7 Liter reinen Alkohol pro Jahr.

Im internationalen Vergleich der Weltgesundheitsorganisation WHO steht Deutschland mit einem Alkoholkonsum der über 15-Jährigen von 11,8 Litern registrierten plus einem Liter nicht registrierten reinen Alkohols an elfter Stelle. Die ersten drei Plätze nehmen Tschechien, Estland und Irland ein.

Das Trinkverhalten wirkt sich auch unmittelbar auf die Gesundheit aus: Die Zahl der Alkoholvergiftungen ist laut der Hauptstelle für Suchtfragen zwischen 2000 und 2009 um fast 112 Prozent angestiegen. Besonders deutlich fällt die Entwicklung mit einem Plus von etwa 194 Prozent in der Altersgruppe der 20- bis 25-Jährigen aus. Auch bei den Senioren liegt die Zahl mit rund 181 Prozent Steigerung über dem ermittelten Durchschnitt. Rund 73.000 Todesfälle gingen jährlich auf "alkoholbezogene Gesundheitsstörungen" zurück, sagte Gaßmann. Ein Fünftel aller Todesfälle in Deutschland zwischen 35 und 65 Jahren sei alkoholbedingt, bei Männern sind es geschätzt sogar ein Viertel.

Positiver beurteilen die Verantwortlichen der Hauptstelle für Suchtfragen die Entwicklung beim Tabak: Der Rückgang sei deutlich, wenn auch mit 1,6 Prozent im Jahr 2009 nur noch halb so intensiv wie im Vorjahr (3,8 Prozent). Die Tabaksteuereinnahmen seien 2009 um 1,5 Prozent auf rund 13,4 Milliarden Euro gesunken, während sie 2008 um etwa 4,8 Prozent zurückgegangen seien. In Deutschland rauchen rund 29 Prozent der 18- bis 64-Jährigen, Männer etwas mehr als Frauen. Die Hauptstelle schätzt die durch Tabakkonsum verursachten Todesfälle auf 110.000 bis 140.000 jährlich.

 Der Missbrauch von Medikamenten mit Suchtpotenzial lässt sich nur schwer statistisch belegen, weil die Mittel häufig im Internet, also am Arzt vorbei, erworben werden. Schätzungen gingen von 1,4 Millionen Abhängigen aus.

Etwas drei von 1000 Bundesbürgern im Alter von 15 bis 64 Jahren nehmen nach Schätzungen illegale Drogen. Etwa 220.000 Menschen konsumieren danach regelmäßig Cannabis.

Insgesamt zeigt die Erhebung des Vereins eine "nur geringfügige Reduzierungen legaler Suchtmittel". Die Suchtexperten fordern Preiserhöhungen für Alkohol und Zigaretten und eine Verringerung des Angebots. Gaßmann warf Politik und Medien vor, "eigene Regeln" für verschiedene Suchtmittel zu schaffen – "je nach Lobbypartnern und Wahlterminen". "Bei Tabak ist allen Konsumenten unmissverständlich klar, dass Rauchen gesundheitsschädlich ist." Das gleiche gelte jedoch auch für Alkohol, Medikamente und illegale Drogen wie Heroin oder Marihuana, erklärte er.