Das weiß auch Tobias Ärztin. Monika Grummt ist Kinder- und Jugendpsychiaterin in Coburg und meint: "Einem Diabetiker sagt man auch nicht, er müsse erst durch gesunde Ernährung und Sport seinen Blutzucker in Ordnung bringen, bevor man ihm Insulin gibt." ADHS sei eine Krankheit, die durch Störungen der biochemischen Prozesse im Gehirn entstehe. "In schweren Fällen sind sinnbildlich im Kopf der Betroffenen die Ampeln ohne Medikamente auf Rot gestellt, der Verkehr kann nicht rollen."

Das bedeutete, dass erforderliche Therapien wie Ergotherapie kaum wirken können. Es gehe am Problem vorbei, dass die Diskussion um ADHS meist emotional aufgeladen geführt und den Eltern der betroffenen Kinder oft unterstellt werde, sie seien mit der Erziehung überfordert und suchten nach einfachen Wegen, ihre Kinder zum Funktionieren zu bringen. "Das tatsächliche Problem sind nicht steigende Verordnungszahlen. Im Grunde wird angesichts bekannter Erkrankungsraten hierzulande noch zu wenig medikamentös therapiert." Grummt findet es schwierig, dass es nicht genug Ärzte gebe, die die aufwändige Diagnostik anbieten können – und dass die, die ADHS-Kinder betreuen und gut wirksame Medikamente verschreiben, "immer davon bedroht sind, in Regress genommen zu werden, weil sie damit ihr Budget überziehen. Damit bezahlt der Arzt die Behandlung der Patienten aus eigener Tasche."

Auch Myriam Menter kennt diese Probleme. Die Juristin und dreifache Mutter leitet ehrenamtlich den Selbsthilfeverband ADHS Deutschland. "Wenn Sie privat versichert sind und in der Großstadt wohnen, haben sie mit einem ADHS-Kind kein Problem", sagt sie. "Aber in strukturschwachen Regionen dauert es zum Teil Monate, bis Sie einen Termin für die Diagnostik bekommen." Bis die abgeschlossen würde, sei schnell ein Jahr vergangen – ohne Therapie. "Aber daheim brennt die Hütte, weil der Hirnstoffwechsel des Kindes gestört ist."

Ganz sicher gebe es verantwortungslose Ärzte, die lebhaften Kindern allzu schnell Medikamente verschrieben, und Eltern, die es sich damit zu leicht machen würden. "Aber das sind die absoluten Ausnahmen – und es hilft uns nicht, dass die öffentliche Diskussion um ADHS so verzerrt geführt wird." Um das zu ändern, nimmt Menters Verband gerade in Berlin am dritten ADHS-Weltkongress teil, wo am 28. Mai Experten zu verschiedenen Aspekten der Krankheit referieren werden.

Christina Wegner wird nicht kommen – sie nimmt sich am Wochenende eine Auszeit von der Familie, um Kraft zu tanken. "Wer glaubt, mit Methylphenidat bekomme man eine optimierte Version seines Kindes, der könnte nicht schlimmer irren. Auch behandeltes ADHS ist für die Familien noch anstrengend genug. Aber so kann man wenigstens damit leben."

*Namen der Familie von der Redaktion geändert