Wo ist der Verdächtige zum ersten Mal gesehen worden? Welche Zeugen gibt es? Welche Spuren hat er hinterlassen? Seuchenforschung ist Detektivarbeit. Seitdem der Darmkeim Ehec, der sich eigentlich in Rindermägen versteckt, Menschen befällt, sind ihm die Ermittler auf der Spur. Doch der erste heiße Tipp führte ins Leere. Die Salatgurken aus Spanien, die wegen ungewöhnlicher Keimspuren verdächtig geworden waren, sind offenbar unschuldig. Eine genaue Analyse der Spuren ergab, dass ihr anhaftendes Keimprofil nicht zu dem des gefährlichen Ehec-Bakteriums passt.

Nun stehen die Epidemiologen wieder vor einem Rätsel: Noch immer wissen sie nicht, wie sich die Menschen mit dem Ehec-Keim angesteckt haben, die derzeit in deutschen Kliniken wegen schwerer Komplikationen nach der Darminfektion behandelt werden.

Wie gefährlich ist der Erreger, der lebensgefährliche Darmerkrankungen auslösen kann? Was sie über Ehec wissen sollten. © Christian Charisius/dpa/lno

Anfang der Woche hatten Kliniken in Hamburg erstmals einen Rückgang der Neueinlieferungen gemeldet. Das Robert Koch-Institut (RKI) in Berlin hingegen, die höchste Instanz für Infektionskrankheiten in Deutschland, verwies lapidar darauf, am Wochenanfang hinkten die gemeldeten Zahlen stets der Realität hinterher. "Ich würde nicht darauf wetten, dass der Gipfel bereits erreicht ist", sagt auch Andreas Hensel, Präsident des Bundesinstituts für Risikobewertung (BfR) .

Klingt der Ausbruch nun ab, nachdem die verängstigten Bundesbürger Salat, Tomaten und anderes suspektes Gemüse meiden? Oder breitet sich die Seuche weiter aus, weil die Ansteckungsquelle immer noch nicht gefunden und weiter im Verborgenen aktiv ist?

Eindeutig beantworten lassen sich diese Fragen bisher nicht. Bei ihrer Suche nach dem Ursprung des Ausbruchs stehen die Epidemiologen gleich vier Hindernissen gegenüber:

1. Die Gefahr beginnt, schon lange bevor die ersten Symptome auftreten. Zuweilen lebt und vermehrt sich das Bakterium bis zu zehn Tage im Darm, ehe die ersten Durchfälle einsetzen ("Inkubationszeit"), mindestens aber drei Tage. Je weiter Ansteckung und Ausbruch der Krankheit aber auseinanderliegen, desto schwerer wird es, im Nachhinein einen Zusammenhang herzustellen. Und selbst wenn der Patient genesen erscheint, verbleibt der Keim noch bis zu einem Monat in seinem Bauch.

2. Zwar erleichtern die Nachweismethoden der Molekularbiologie heute den Seuchendetektiven die Jagd. Doch Ehec reist im Tarnmodus, ist von seinen harmlosen Artgenossen durch oberflächliche Analysen nicht zu unterscheiden. Während etwa der Cholera-Erreger Vibrio cholerae auf Lebensmitteln nichts zu suchen hat, sind – so unappetitlich das klingt – völlig harmlose Darmkeime der Art Escherichia coli allgegenwärtig. "E. coli gibt es eben massenweise überall in der Umwelt", sagt Lothar Beutin, Leiter des Nationalen Referenzlabors für E. coli in Berlin . "Die Krux ist, den spezifischen Keim zu finden, der dann noch in der Minderzahl ist."

Ein Beispiel: In einem Gramm Mischsalat stecken rund zehn Millionen Keime, aus denen 100 E. coli herausgefischt werden müssen. Und von denen sind höchstwahrscheinlich alle oder die meisten völlig harmlos. Die Frage, ob einige wenige Ehec-Bakterien vom Serotyp O104 darunter sind, die für eine Ansteckung schon ausreichen könnten – "das ist so, als ob sie in Shanghai eine bestimmte Person suchen". Inzwischen hat Beutins Labor ein genetisches Verfahren entwickelt, mit dem sich der aktuelle Erreger gezielt aufspüren lässt.