Die Ausbreitung des Darmkeims Ehec ist möglicherweise noch nicht auf ihrem Höhepunkt angekommen. Das sagte ein Sprecher des niedersächsischen Sozialministeriums. "Wir müssen davon ausgehen, dass die Zahl der Schwererkrankten noch weiter steigt." Auch Schleswig-Holsteins Gesundheitsminister Heiner Garg (FDP) erwartet eine Verschlimmerung der Epidemie. Zwischen einer Ansteckung und dem Ausbruch der Krankheit könnten bis zu zehn Tage liegen, betonte er.

Insgesamt sind inzwischen mindestens zehn Menschen an der lebensgefährlichen Komplikation Hus gestorben, neun davon sind Frauen. Hus steht für hämolytisch-urämisches Syndrom, das als schwere Folge einer Ehec-Infektion auftreten kann. Unterdessen schweben noch mehrere Menschen in Lebensgefahr. Deutschlandweit wurden mittlerweile mehr als 1.000 bestätigte Fälle und Verdachtsfälle registriert. Normalerweise gibt es im ganzen Jahr etwa 900 gemeldete Infektionen mit den Bakterien.

Bislang stammen alle Todesopfer aus Norddeutschland. Allein in Hamburg liegt die Zahl der Ehec-Patienten bei mehr als 400, rund 90 werden in Kliniken behandelt, zwei Menschen sind an Hus gestorben. Wegen Überlastung verlegen Hamburger Kliniken Erkrankte nach Niedersachsen. Dort wurden bis Sonntagmorgen 141 bestätigte Erkrankungen, 48 Ehec-Verdachtsfälle und 42 Hus-Fälle registriert. Drei Menschen sind gestorben. Schleswig-Holstein meldete am Wochenende drei weitere Hus-Tote, damit sind im nördlichsten Bundesland mindestens vier Menschen an der Krankheit gestorben. Insgesamt gibt es dort rund 250 Ehec-Infektionen und mehr als 70 Hus-Fälle.

Wie gefährlich ist der Erreger, der lebensgefährliche Darmerkrankungen auslösen kann? Was sie über Ehec wissen sollten. © Christian Charisius/dpa/lno

Nach Angaben der EU-Seuchenkontrollbehörde ECDC in Stockholm handelt sich um einen der weltweit schwersten Ausbrüche solcher Ehec-Varianten, die Hus auslösen können – und um den bislang größten beobachteten Ausbruch in Deutschland. Unmittelbare Gefahren für andere europäische Länder sieht die Behörde jedoch derzeit nicht.

Bundesverbraucherschutzministerin Ilse Aigner wies darauf hin, dass weiterhin Vorsicht bei frischem Gemüse gelten müsse. "Solange es den Experten in Deutschland und Spanien nicht gelungen ist, die Quelle des Erregers zweifelsfrei zu benennen, haben die allgemeinen Warnhinweise für Gemüse weiterhin Bestand", sagte Aigner. Bei Untersuchungen der Bundesvereinigung der Erzeugerorganisationen Obst und Gemüse (BVEO) wurden unterdessen kein weiteres belastetes Gemüse gefunden.

Mehrere deutsche Kliniken setzen im Kampf gegen besonders schwere Krankheitsverläufe inzwischen auf ein neues Mittel. Die Mediziner hoffen, dass der Antikörper Eculizumab gegen das akute Nierenversagen wirken könnte. Der sogenannte monoklonale Antikörper hatte im vergangenen Jahr bei drei Ehec-infizierten Kindern die Hus-Symptome drastisch gebessert, wie Ärzte und Wissenschaftler aus Heidelberg, Montreal und Paris im Fachblatt "New England Journal of Medicine" berichten. Etwa in den Unikliniken Hamburg, Hannover und Schleswig-Holstein bekommen schwerkranke Hus-Patienten nun die neue Behandlung. Ob sie wirkt, lässt sich nach Angaben der Kliniken jedoch erst nach etwa einer Woche beurteilen.

Nach Angaben eines Sprechers des Universitätsklinikums Schleswig-Holstein hat es bei der Behandlung zwar erste Erfolge gegeben. Das Mittel aber als "neues Wundermittel zu bezeichnen", wecke falsche Hoffnungen. Noch sei unklar, ob die Verbesserungen bei manchen Patienten auf den Antikörper zurückzuführen seien, sagte der Sprecher.