Als der Arzt Rolf Stahl den Forschungsbericht seiner Kollegen aus Heidelberg studiert hatte, griff er zum Telefon. Ihm war klar: Dies konnte die Rettung für seine todkranken Ehec-Patienten sein. Stahl, Chef der 3. Medizinischen Klinik am Hamburger Universitätskrankenhaus Eppendorf (UKE), beriet sich mit den süddeutschen Medizinern und mit seinem Hamburger Ärzteteam. Dann, am Freitagmorgen vergangener Woche stand der Plan fest. "Wir werden das Medikament infundieren", entschied Stahl, "noch heute Nachmittag."

Seit dem Wochenende behandeln die Hamburger Ärzte ihre schwer erkrankten Ehec-Patienten mit der bisher kaum erforschten Methode, der Antikörper-Lösung Eculizumab. In einer Kochsalzlösung werden die Antikörper durch einen sterilen Schlauch in die Venen gegeben. Auch in den anderen norddeutschen Unikliniken, in Hannover, Lübeck und Kiel hängten Ärzte ihre sterbenskranken Hus-Patienten an diesen womöglich lebensrettenden Tropf.

Ein improvisierter Heilversuch mit ungewissem Ausgang und hohen Kosten: 50.000 bis 100.000 Euro pro Patient kostet die Behandlung normalerweise. Derzeit stellt der Hersteller Alexion das Präparat Klinken kostenlos zur Verfügung. Der Pharmakonzern hat ein Interesse an den klinischen Daten: Denn das Medikament wird durch den eingetretenen Ernstfall jetzt in der Praxis an Ehec-Patienten erprobt, was wertvolle Informationen für künftige Studien liefert. Seit 2007 ist Eculizumab zur Behandlung seltener Blutleiden zugelassen. Gegen Ehec-Infektionen kam es vor dem aktuellen Ausbruch weltweit erst wenige Male zum Einsatz – und half. Ein Teilerfolg, aber nicht genug, als dass die Methode als erprobt gelten könnte.

Wie gefährlich ist der Erreger, der lebensgefährliche Darmerkrankungen auslösen kann? Was sie über Ehec wissen sollten. © Christian Charisius/dpa/lno

Für die Ärzte in den norddeutschen Kliniken, deren Notaufnahmen schon jetzt von Ehec-Infizierten überfüllt sind, ist die Therapie ein letzter Strohhalm. Denn gegen den Darmkeim und das dadurch ausgelöste hämolytisch-urämische Syndrom (Hus) gibt es bislang weder Medikamente noch andere Therapie-Methoden. Nur die Symptome können zum Teil durch Infusionen mit Kochsalzlösung und Blutwäsche gelindert werden.

Die Infizierten leiden zunächst an schwerem Durchfall, haben Blut im Stuhl. Bei denjenigen, die dann auch das Hus entwickeln, schädigen die Giftstoffe, die das Bakterium im Darm freisetzt, die Niere. In der Folge versagt das Organ, das eigentlich Giftstoffe über den Harn aus dem Körper spülen soll. Nicht selten wird die Niere dabei so stark in Mitleidenschaft gezogen, dass die Patienten in Folge der Ehec-Infektion zu Dialyse-Patienten werden. Ohne diese regelmäßige Blutwäsche können sie dann nicht überleben – es sei denn, sie bekommen eine passende Spender-Niere zur Transplantation. Und manche – bisher sind es zehn Menschen in Deutschland – überleben die Symptome nicht. Sie sterben an Organversagen.

Der Antikörper ist also die erste und einzige Hoffnung auf eine wirksame Therapie. Die experimentelle Behandlung folgt einer neuen Theorie zur Ursache von Hus: Demnach verursachen die Giftstoffe des Ehec-Erregers, die Shigatoxine, Aufruhr im Komplementsystem, einer speziellen Waffengattung der körpereigenen Immunverteidigung. Einmal in Aktion versetzt, bildet das System in einer komplexen Kaskade ein feingesponnenes Netz aus Eiweißen, das eingedrungene Fremdkörper umschließt und als zu zerstörendes Ziel der Immunabwehr markiert. Zugleich startet die Verklumpung von Blutplättchen. Es folgen massenhaft kleine Infarkte in den feinen Blutgefäßen der Niere, bis das Organ ausfällt – vergleichbar mit einer Thrombose im Bein oder einem Herzinfarkt. Richtig kritisch wird diese Reaktion der Immunabwehr, wenn sie auch die Blutversorgung des Zentralnervensystems abwürgt. Dann drohen schwere Hirnschäden, es kommt zur Hirnblutung und zum sofortigen Tod.

Das therapeutische Experiment spiegelt die Not der Mediziner wider und den Ernst der Situation. "Wir werden Patienten verlieren", stellte Jörg Debatin, Vorstandschef der Hamburger Uniklinik, am Sonntag klar. Was Mitte Mai als eine bedeutungslos erscheinende Häufung von Durchfallerkrankungen im Norden der Republik begann, ist zu einer der weltweit schwersten Ehec-Endemien geworden. In Deutschland hat der Erreger nie zuvor mit dieser Wucht zugeschlagen. Die Lage sei beherrschbar, ließ Ärztefunktionär Frank-Ulrich Montgomery fern der Front am Wochenende in Berlin verlauten. Soll heißen: Sie kann auch außer Kontrolle geraten.