Wie trennt man gut und böse, gesund und krankhaft? Diese Fragen stellen sich Krebsmediziner ständig. Denn Krebszellen sind oft nicht sofort als solche zu erkennen, vor allem nicht im Gehirn. "Operateure brauchen dafür viel Erfahrung", sagt Jürgen Meixensberger. Der Neurochirurg hat es mit den wohl tückischsten Tumoren zu tun. Sie wuchern in den Köpfen seiner Patienten. Nur wenn die Geschwüre komplett entfernt werden, können die Ärzte verhindern, dass der Krebs wieder anfängt zu wachsen. Normalerweise heißt das: Um sicher zu sein, auch unentdeckte bösartige Zellen auszuschalten, muss außerdem gesundes Gewebe leiden.

"Das ist im Gehirn nicht möglich, denn oftmals liegen die Tumore in wichtigen Arealen des Hirns, zum Beispiel im Seh- oder Sprachzentrum", erklärt Meixensberger, der die Klinik für Neurochirurgie an der Uniklinik Leipzig leitet. Jede Nervenzelle ist für die Funktion ihres Areals wichtig, ersetzen kann sie der Körper meist nicht. "Um die Grenze zwischen Tumor und gesunden Gewebe zu bestimmen, braucht man Hilfsmittel, zusätzlich zur eigenen Erfahrung", sagt Meixensberger.

Abhilfe könnte ein neues Verfahren schaffen, dass Neurochirurgen und Chemiker an der TU Dresden entwickelt haben. Weltweit zum ersten Mal setzen sie während einer Operation Infrarotlicht ein, um die Zellen eines Gehirntumors genau erkennen zu können. "Wir entnehmen eine winzige Probe, gerade einmal einen Bruchteil eines Reiskorns groß, und legen diese unter das Infrarotspektroskop", erklärt Matthias Kirsch vom Uniklinikum Dresden. Je nachdem, ob die Zellen gut- oder bösartig sind, absorbieren sie das Infrarotlicht unterschiedlich, und das können die Mediziner messen.

Wie Zellen Infrarotlicht aufnehmen, hängt von ihren biochemischen Inhalten ab. Die unterscheiden sich bei Tumoren und gesundem Gewebe. Krebszellen teilen sich wesentlich häufiger als gesunde Zellen und verfügen deshalb über mehr Nukleinsäuren, die Baupläne für alle Gene. Je mehr davon vorhanden sind, desto stärker absorbieren sie das Infrarotlicht. In fast jedem Fall konnten die Dresdner in einer Studie bösartiges Gewebe von gesundem unterscheiden.

Innerhalb einer Minute ist das Ergebnis da. Bislang war die Diagnose von Krebszellen in einer Probe aufwendiger und dauerte zwischen 20 und 30 Minuten. Die Infrarotspektroskopie ist jedoch nicht die einzige Methode, die innerhalb von Sekunden den Unterschied zwischen Tumor und gesundem Hirn deutlich macht. Bereits weit verbreitet ist die durch Fluoreszenz gestützte Operation von Hirntumoren. Hierbei wird den Patienten einigen Stunden vor der Operation ein Medikament verabreicht, das in Tumorzellen umgewandelt wird. Unter Licht leuchten Tumorzellen mit einer speziellen Wellenlänge rot, erklärt der Oberarzt an der Uniklinik Köln, Stefan Grau. Bei der Dresdner Methode der Infrarotspektroskopie sind dagegen keine Medikamente notwendig.