Forscher entziffern Erbgut des Ehec-Erregers – Seite 1

Wissenschaftler aus Hamburg und China ist es gelungen, neue Details über den gefährlichen Ehec-Bakterienstamm zu sammeln. "Es handelt sich um einen besonderen Typ eines Ehec-Erregers mit einer so noch nie gesehene Kombination von Genen", sagte der  Bakteriologe Holger Rohde vom Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf (UKE). Zusammen mit Kollegen des chinesischen Beijing Genomic Institute ist es seinem Team gelungen, das Erbgut des Darmkeims zu lesen.

Darin entdeckten die Forscher offenbar Anteile zweier ganz unterschiedlicher Bakterienstämme. In dem untersuchten Genom seien Teile des klassischen Ehec-Keims sowie von einem weiter entfernten Erreger gefunden worden. Der derzeit sich ausbreitende Stamm sei nur ganz entfernt mit üblichen Ehec-Bakterien verwandt, sagte Rohde. Seine genetische Neukombination begünstige zum Beispiel das Anheften der Bakterien an Darmzellen. Damit nisten die Keime sich viel länger im Darm ein – und können dort auch länger Schaden anrichten. Von hier aus entlassen die Erreger ihren Giftcocktail ins Blut der Infizierten. Diese leiden an Krämpfen, Durchfällen und schlimmstenfalls an Nierenversagen. Die toxischen Stoffe der Ehec-Bakterien greifen zudem auch das Nervensystem der Betroffenen an.

"Der neue Keim ist ein Produkt einer ganz normalen bakteriellen Eigenschaft, um sich an seine Umwelt anzupassen", sagt Rohde. Bakterien können untereinander Gene austauschen. Dabei gehen mit Teilen des Erbguts Eigenschaften eines Keimes auf andere über – es kommt zu Mischformen. Wo dies geschehen sei – etwa in einem Tier, im Menschen, einer Pfütze, einer Kläranlage oder sonstwo - lasse sich aber nicht sagen.

Der Keim weise zudem ein ganz besonderes Resistenzprofil gegen Antibiotika auf. Allerdings werden Patienten die am hämolytisch-urämischen Syndrom (Hus) nach einer Ehec-Infektion leiden, ohnehin nicht mit dem Medikament behandelt. Antibiotika verschlimmern mitunter eine Hus-Erkrankung, die als schlimmste Komplikation nach dem Befall mit Ehec-Erregern gilt. Die Bakterien könnten zerstört werden und dadurch noch mehr ihrer gefährlichen Giftstoffe freisetzen.

Die neuen Erkenntnisse über das Genom des Bakteriums helfen den betroffenen Patienten nach Erkenntnissen der Experten allerdings nicht unmittelbar, sondern müssen in den nächsten Wochen erst interpretiert werden. Dennoch ist den Medizinern ihr "Gegner" nun weit besser bekannt als zuvor.

Wie gefährlich ist der Erreger, der lebensgefährliche Darmerkrankungen auslösen kann? Was sie über Ehec wissen sollten. © Christian Charisius/​dpa/​lno

Am Donnerstag stieg die Zahl der Menschen, die in Deutschland an Hus gestorben sind, auf 17. Eine 81 Jahre alte Frau starb in der Nacht im Universitätsklinikum Hamburg-Eppendorf an den Folgen der Infektion, sagte der Nierenspezialist Rolf Stahl. Im besonders von dem Ehec-Ausbruch betroffenen Hamburg ist es der dritte Todesfall.

Rund drei Wochen nach dem Auftreten der ersten Ehec-Fälle gibt es dort wie anderswo keine Entwarnung. "Bei uns ist die Lage nach wie vor angespannt", sagte Jörg Debatin, UKE-Vorstandschef. Zur Zeit würden in der Klinik 102 Patienten mit Hus behandelt. In Deutschland liegt die Zahl der gemeldeten Infektionen und Verdachtsfälle derzeit bei rund 2000.

Spanien will Schadenersatz, EU kritisiert Russlands Gemüse-Einfuhrverbot

Nach der Empfehlung des Robert Koch-Instituts an Verbraucher, vorerst auf den Verzehr roher Tomaten, Gurken und Blattsalate zu verzichten, müssen Landwirte weiter mit Einbußen rechnen. Spanien bekräftigte erneut seine Forderung nach Schadenersatz für die Millionenverluste, die seinen Landwirten infolge der Ehec -Krise schon entstanden sind. Die Hamburger Gesundheitsbehörde hatte zuvor Ehec-Erreger auf spanischen Gurken entdeckt. Laboranalysen hatten allerdings ergeben, dass die entdeckten Keime nicht zu der Art gehörten, die die Welle von Infektionen ausgelöst hatte.

Ministerpräsident José Luis Rodríguez Zapatero übte daher scharfe Kritik am Krisenmanagement der deutschen Behörden und der Europäischen Union. Die deutschen Stellen hätten einen "eklatanten Fehler" begangen, als sie spanische Gurken mit der Ausbreitung der Ehec-Infektionen in Verbindung gebracht hätten. Die EU-Kommission habe "zu langsam" reagiert und sei nicht energisch genug gegen die Importverbote einzelner EU-Staaten für spanische Agrarprodukte vorgegangen.

"Die Regierung hat die Absicht, eine Wiedergutmachung für den gesamten entstandenen Schaden zu verlangen", sagte Zapatero dem staatlichen Rundfunk RNE. Spanien werde die Forderungen bei den zuständigen Gerichten geltend machen. Der Regierungschef ließ aber offen, ob Madrid seine angekündigten Schadensersatzklagen bei der deutschen oder der europäischen Justiz erheben wird. Zwei südspanische Agrarbetriebe, auf deren Gurken in Hamburg Ehec -Erreger entdeckt worden waren, kündigten Schadensersatzklagen in Deutschland an. Spanische Bauernverbände beziffern die den Landwirten entstehenden Verluste auf 200 Millionen Euro pro Woche.

Als "unverhältnismäßig" kritisierte die EU-Kommission hingegen das russische Einfuhrverbot für Gemüse aus der EU. "Wir verlangen von Russland eine Erklärung", sagte der Sprecher von EU-Gesundheitskommissar John Dalli am Donnerstag in Brüssel. Man stehe mit den russischen Behörden in engem Kontakt. Russland hatte wegen des  Ehec-Ausbruchs in Deutschland das Importverbot für frisches Gemüse auf alle 27 EU-Länder ausgeweitet.