Noch immer infizieren sich in Deutschland und in anderen europäischen Ländern Menschen mit dem gefährlichen Ehec-Darmkeim vom Typ O104:H4 . Zuletzt meldete Frankreich zehn Ehec-Fälle aus Bordeaux. Zwei der Betroffenen, die in eine Klinik eingeliefert wurden, litten auch an dem hämolytisch-urämischen Syndrom (Hus), der gefährlichsten Komplikation der Infektion, bei der die Nieren versagen und häufig neurologische Störungen auftreten.

Sechs der Erkrankten aus Bordeaux sollen beim Tag der Offenen Tür eines Kinderfreizeitzentrums Sprossen gegessen haben. Die Samen für die Sprossen, die angeblich aus Großbritannien stammen, seien in Frankreich gepflanzt und aufgezogen worden.

Inzwischen schieben sich Frankreich und England gegenseitig die Schuld für eine mögliche Verkeimung der Sprossen zu. Französische Behörden verdächtigten den britischen Saatgut- und Pflanzenversand Thompson & Morgan, der Samen nach Frankreich geliefert hatte. Die Firma wies – zu Recht – gegenüber dem britischen Sender BBC darauf hin, dass es bisher keinen nachweislichen Zusammenhang zwischen ihren Produkten und den Ehec-Fällen in Frankreich gibt. Man verkaufe jährlich Tausende Pakete der Samen nach Frankreich, Großbritannien und in andere Länder Europas. Da nur wenige Leute betroffen seien, liege die Vermutung nahe, dass die Samen in Frankreich nicht richtig behandelt wurden.

Ob in Bordeaux überhaupt Sprossen der Ursprung der Infektion sind, ist mehr als fraglich. An den Sprossen selbst wurde der Keim bisher nicht nachgewiesen – die Untersuchungen dauern an. Ebenso möglich wäre, dass die Lebensmittel, die in dem Kinderfreizeitzentrum am Tag der Offenen Tür angeboten wurden, bei der Zubereitung mit dem Bakterium in Kontakt kamen. Denn eine Ehec-Infektion kann auch unbemerkt verlaufen. Obwohl die Infizierten dann keinen starken Durchfall oder Bauchschmerzen haben, tragen sie den Keim in sich und können andere über den Weg der Schmierinfektion – zum Beispiel über ungewaschene Hände – anstecken. Mitte Juni war es in Hessen zu einem solchen Fall gekommen: Die Mitarbeiterin einer Catering-Firma hatte sich unbemerkt mit dem gefährlichen Ehec-Bakterium infiziert und Lebensmittel für eine Feier zubereitet. In der Folge waren 20 Gäste der Feier an dem Darminfekt erkrankt.

Dennoch warnen Frankreich und Großbritannien jetzt vorsorglich vor dem Verzehr roher Sprossen. Die Weltgesundheitsorganisation WHO hat in Großbritannien seit dem Ausbruch der Bakterien-Erkrankung Anfang Mai drei Ehec-Fälle registriert. Aus Frankreich gab es vor den jetzt in Bordeaux aufgetretenen Infektionen zwei gemeldete Fälle. Insgesamt sind rund 70 Menschen außerhalb Deutschlands an dem Darminfekt erkrankt – bis auf zwei waren sie alle während des Ehec-Ausbruchs in Deutschland gewesen.

Die Zahl der täglichen Neuinfektionen in Deutschland hatte am 22. Mai ihren Höhepunkt erreicht, seither geht die Neuinfektionsrate zurück. Insgesamt verzeichnet das Robert Koch-Institut seit dem ersten Auftreten des Ehec-Bakteriums in Norddeutschland 2967 Fälle in Deutschland. 46 Menschen sind an den Folgen der Darminfektion gestorben.

Derweil hat das deutsche Umweltbundesamt (UBA) eine Gefahr für das deutsche Trinkwasser durch Ehec-Bakterien einmal mehr ausgeschlossen. UBA-Präsident Jochen Flasbarth warnte in einer Erklärung vor "unbegründeter Panikmache". Flasbarth sagte: "So mancher Experte wäre gut beraten, von unbedachten Katastrophenmeldungen abzusehen."