In Deutschland galt lange die Prämisse, erst zu warnen, wenn die Behörden sich sicher sind: Erst wenn die Gefahr und die daraus resultierenden Probleme eindeutig bekannt sind, wurden Warnungen und Verhaltensempfehlungen ausgesprochen. Der Fall Ehec zeigt, dass es auch anders geht.

Verbraucherschutzministerin Ilse Aigner warnte vor dem Verzehr von Salatgurken aus Spanien, obwohl genaue Tests noch ausstanden. Und Niedersachsens Minister Gert Lindemann hatte Sprossen als Ursache ausgemacht, obwohl auch das noch nicht eindeutig war. Getreu dem amerikanischen Motto: "Better safe than sorry". Lieber schnell auf Nummer Sicher gehen und lieber ein Mal zu viel gewarnt als ein Mal zu wenig.

Doch schüren vorschnelle Warnungen nicht einfach nur Angst bei den Verbrauchern? Sorgen sie nicht für mehr Panik als die Ungewissheit, führen sie nicht in die Irre?

Mit diesen Fragen beschäftigt sich Ortwin Renn, Risikoforscher an der Universität Stuttgart. "Es gibt jetzt viel Kritik am Ehec-Krisenmanagement", sagt Renn. "Aber ich habe trotzdem den Eindruck, dass es weder eine völlige Übersteigerung noch eine völlige Unterzeichnung des Risikos gab." Die Gefahr sei realistisch eingestuft worden.

Die Angst blieb trotzdem. Denn anders als bei SARS, bei Vogel- oder bei Schweinegrippe war im Fall Ehec nicht sofort klar, woher der Erreger kommt. Und wirklich eindeutig lässt sich das auch nicht mehr für alle Ehec-Fälle feststellen. "Das hat die Leute befremdet", so Renn.

Generell fürchten Menschen also nicht das Ehec-Risiko an sich – es ist eher die Ungewissheit, die ihnen Angst macht. "Evolutiv sind wir darauf geschult: Wenn wir der Gefahr in die Augen sehen können, dann können wir ihr entsprechend begegnen. Aber wenn alles unsicher ist, dann geraten wir ins Schwimmen. Das ist unangenehm."

Eine gute Gefahren-Einstufung sei daher wichtig, sagt Renn. Denn sie beeinflusse sogenannte öffentliche Wahrnehmungsmuster. Im Fall Schweinegrippe zeigte sich das besonders gut: Als die ersten Deutschen an der Grippe starben, drängelten sich die Menschen bei Ärzten, um sich impfen zu lassen. Nach wenigen Tagen gab es keinen Impfstoff mehr. Als später viele Schweinegrippe-Patienten die Krankheit problemlos überstanden, veränderte sich das Verhalten schlagartig. Die Impftermine gingen rapide zurück.

"Wir kennen diese Schwankungen", sagt Renn. "Aber im Fall Ehec gab es sie kaum." Denn hier existierte von Anfang an Ungewissheit. Und vor allem diese macht den Verbrauchern Angst.