An der Wand im Ärztezimmer auf Station 5b klebt ein ausgerissenes Zeitungsblatt. Darauf eine Grafik der Deutschlandkarte, nachgeformt aus Obst, Gemüse und anderen Lebensmitteln. Es ist das Titelblatt der ZEIT-Beilage "Essen ist Heimat" über Lebensmittel aus der Region. "Such' die Gurke" hat hier jemand mit rotem Filzstift darauf gekritzelt. In Zeiten von Ehec, wird viel über Salatgurken gesprochen. Auch unter den Ärzten, die hier in einer Klinik im Hamburger Stadtteil Altona jetzt die Menschen behandeln, die der Darmkeim lebensbedrohlich krank gemacht hat.

"Ich esse keinen frischen Salat mehr, keine Tomaten und keine Gurken, bis die Ursache des Ausbruchs gefunden ist", sagt Susanne Ganepola, die seit zwei Wochen nur noch Ehec-Patienten behandelt. Natürlich weiß die angehende Fachärztin für Hämatologie, dass die spanischen Gurken sich längst als falsche Spur erwiesen haben. Jeden Tag sprechen die Ärzte mit den Fachleuten aus anderen Kliniken, mit Experten vom Robert Koch-Institut und zwischendurch, oft unfreiwillig, mit vielen Journalisten. "Aber irgendein Obst und Gemüse wird vermutlich die Quelle der Verkeimung sein. Viele unserer Patienten sagen, dass sie Tomaten oder Erdbeeren gegessen haben", sagt sie.

Wie gefährlich ist der Erreger, der lebensgefährliche Darmerkrankungen auslösen kann? Was sie über Ehec wissen sollten. © Christian Charisius/​dpa/​lno

Während die Ärztin erzählt, schleppt sie zwei rote Mülleimer durchs Treppenhaus der 17-stöckigen Bettenburg in Hamburg-Altona. Die desinfizierten Eimer – eigentlich zum Wegwerfen von Spritzen gedacht – sind bis oben hin gefüllt mit Plasma-Konserven, tiefgefroren, in Gefrierbeuteln einer bekannten Haushaltswarenfirma. "Die Ehec-Patienten brauchen viel mehr Plasma, als man sonst für Krebspatienten verwendet", sagt Susanne Ganepola. Frauen zwölf Beutel. Männer 14. "Deshalb ist es auch wichtig, dass die Menschen draußen jetzt zur Blut- und Plasmaspende gehen."

So viele Konserven in der Maschine aufzutauen, würde mehrere Stunden dauern. In den letzten Tagen haben die Ärzte gelernt, zu improvisieren. "Wir tauen jetzt alle Beutel für einen Patienten gleichzeitig in einem Eimer mit warmem Wasser auf".

Seit rund zwei Wochen wandelt sich die 32-Jährige immer stärker zur Ehec-Spezialistin. Sie hatte Wochenenddienst, als die ersten Patienten mit dem Darmkeim aus der Notaufnahme auf die Station 5B des Allgemeinen Krankenhauses Altona verlegt wurden.

Bevor das aggressive Bakterium auch ihren Berufsalltag auf den Kopf stellte, wurden hier Krebspatienten behandelt. Die Plasmapherese-Geräte werden normalerweise vor allem benutzt, um Stammzellen aus dem Blutkreislauf der Patienten zu gewinnen, die nach einer Chemotherapie neue gesunde Blutzellen bilden sollen. Jetzt haben die Ärzte alle Geräte, die sie in der Klinik noch auftreiben konnten, in der provisorisch umgebauten ehemaligen Notaufnahme im Erdgeschoss aufgebaut. Dort laufen sie zwölf bis 14 Stunden am Tag, um das Gift aus dem Körper der Ehec-Infizierten zu waschen, das der Darmkeim in die Blutbahn seiner Opfer schickt.

Während die Ärztinnen die Laborwerte der Patienten prüfen und besprechen, wer von den schweren Fällen eine Dialyse oder zusätzliche Blutkonserven braucht, laufen Schwestern und Pfleger durch die Gänge und in die Krankenzimmer, wechseln Katheter, bringen Essen. Bevor sie ein Zimmer betreten, müssen sie die Schutzkleidung wechseln. Vielleicht 80 oder 100 Mal am Tag. "Viele Grüße aus dem Ehec-Land", ruft einer der jungen Helfer in ein Handy, das er mit Gummihandschuhen anfasst. Er nuschelt ein bisschen durch den Mundschutz, den hier jeder Mitarbeiter tragen muss. Äußerlich ist die Laune in den grau glänzenden Linoleum-Fluren gut, fast fröhlich. Anders wäre der Job wohl kaum zu machen.

Auch Zivis und Studenten im freiwilligen Sozialen Jahr halten Patienten die Hand, die Angst vor der Blutwäsche haben, machen sauber, helfen den Patienten beim Essen und beim Toilettengang. Ab und zu holen sie auch einfach nur einen Tee oder kaufen den Kranken unten am Kiosk eine Tüte Paprika-Chips. Denn raus dürfen hier nur diejenigen, die als gesund gelten.

"Die Leute sind zum Teil schon seit zwei Wochen isoliert", sagt Jörn Schoenebeck, der sein Praktisches Jahr im Medizinstudium absolviert. "Das ist eine enorme psychische Belastung." Jens Lührs* leidet vor allem darunter, dass er so ungewohnt schlapp ist, alleine kaum aufstehen kann. Es ist langweilig in dem Krankenzimmer, das die Patienten nicht verlassen dürfen. "Außerdem vermisse ich hier einen Hot-Spot fürs Internet", sagt der 55-Jährige, der anders als die vielen jüngeren Patienten keinen eigenen UMTS-Stick hat. Einen Fernseher gibt es hier zwar – aber Sondersendungen zu Ehec schaut sich Jens Lührs nicht gerne an. "Wenn man selbst betroffen ist, will man gar nicht jeden Tag mehr Details wissen", sagt er.

"Wenn man schon Ehec hat, ist es einem ziemlich egal, wie das statistische Ansteckungsrisiko ist oder, ob der Keim in Gurken, Salat oder Tomaten steckt", sagt auch Julia Moser. Die 25-jährige Airbus-Praktikantin aus der Schweiz war erst acht Wochen in Hamburg, als sie plötzlich schweren Durchfall und Krämpfe bekam. "Am Anfang war ich froh als ich erfahren habe, dass es Ehec ist. Da wusste ich wenigstens, was ich habe", sagt sie. Der Schweizerin geht es besser, sie hatte Glück und wird an Himmelfahrt entlassen. Angst habe sie eigentlich nicht gehabt. "Aber wenn ich jetzt sehe, wie schlecht es manch anderen geht, wird mir klar, was für ein Glück ich hatte". Der Schock kommt ein wenig versetzt.

Andere Patientinnen hat es schwerer getroffen. Bei ihnen wüten die Giftstoffe des Keims in den Organen, lassen die Niere ausfallen und lähmen das Nervensystem. Infolge der Infektion entstehen winzige Gerinnsel, die kleine Blutgefäße verstopfen, wie bei einem Infarkt. Anna Wagner* merkt man das jetzt an. Sie hat starke Krämpfe, kann ihre Arme und Beine kaum bewegen, nicht sprechen. "Vor ein paar Tagen war sie noch völlig klar – wie du und ich", sagt Susanne Ganepola. Ihr geht das Schicksal der jungen Frau nahe. Eine Seelsorgerin steht am Bett der Patientin, die auf der Intensivstation liegt. "Eigentlich könnten wir zusätzlich einen eigenen Gesprächsarzt beschäftigen", sagt Susanne Ganepola. Seit dem Ehec-Ausbruch finde sie selbst zu wenig Zeit für die Fragen der Angehörigen, sagt sie.

Nachdem die ersten Ehec-Fälle auf Station 5b kamen, arbeitete die Ärztin 19 Tage am Stück. Zwölf Stunden am Tag, bevor sie zum ersten Mal wieder einen Tag frei hatte. Am Tag vor Himmelfahrt sind zum ersten Mal keine neuen Fälle auf Station 5B eingetroffen. "Langsam stellt sich Routine ein, und ich freue mich, dass vieles jetzt so gut läuft."