Der Kampf gegen die Krankheiten, die jedes fünfte Kind in Sierra Leone töten, wird in Dörfern wie Sulehun entschieden. Neben der staubigen Lateritpiste stehen brüchige Lehmhütten und ein paar von Einschüssen übersäte Flachbauten aus Stein. Mami Bockarie sitzt vor ihrem Haus in der schwindenden Abendsonne und wäscht Reis. Sie beeilt sich, denn nach Einbruch der Nacht gibt es in Sulehun kein Licht. Hier auf dem Land haben Krankheiten nichts von ihrem ursprünglichen Schrecken verloren.

Die 30-jährige hat selbst eines ihrer fünf Kinder verloren. Ihr Sohn Isata starb, als er 14 Monate alt war. "Als ich am Krankenhaus ankam, hat Isata schon nicht mehr geatmet." Seit zwei Monaten wird in Sierra Leone auch gegen Pneumokokken geimpft, den Haupterreger von Lungenentzündung. Mami Bockarie hat es im Radio gehört. "Ich will meine Kinder möglichst schnell impfen lassen", sagt sie.

Ihre Chancen stehen gut. Die neue Impfung wird derzeit kostenlos in allen Hospitälern angeboten. In entlegenen Regionen sind zusätzlich mobile Impfteams unterwegs, die sicherstellen sollen, dass jedes Kinder unter fünf voll geimpft wird. Ein gutes Jahrzehnt nach dem Ende eines der blutigsten Bürgerkriege in Afrikas Geschichte ist das ein massives Unterfangen: Zuletzt lag die Quote bei gerade einmal vierzig Prozent. "Aber wir tun, was wir können", sagt Thomas Samba, der in Sierra Leones Gesundheitsministerium für das Impfprogramm verantwortlich ist. Nach Pneumokokken, dem Haupterreger für Lungenentzündungen, soll später im Jahr auch eine Impfung gegen den Rota-Virus eingeführt werden, der schwere Durchfallerkrankungen auslöst. Gegen Masern, Polio, Tetanus, Diphterie und andere Krankheiten wird schon seit Jahren geimpft.

Möglich ist das alles nur dank Millionen aus dem Ausland. "Gut 70, 80 Prozent der Kosten für die Impfungen werden von internationalen Gebern übernommen", sagt Samba. Mit Abstand wichtigster Finanzier ist die globale Impfallianz Gavi , zu deren Partnern die Weltgesundheitsorganisation, die Gates-Stiftung und auch Pharmakonzerne gehören. Seit 2000 macht Gavi Impfstoffe in ärmsten Entwicklungsländern verfügbar und krempelt dabei den Markt für Vakzinen ordentlich um. "Nehmen wir den Pneumokokken-Impfstoff: In den USA kostet er mehr als 60 Euro pro Dosis, für Sierra Leone zahlen wir aber für eine Dosis nur zwei Euro", erklärt David Ferreira, einer der Geschäftsführer.

Obwohl die Margen gering sind, rentiert sich das Geschäft für die Konzerne. Denn Gavi garantiert den Pharmafirmen einen riesigen Markt. 600 Millionen Dosen Pneumokokken-Impfstoff wurden gerade bestellt. Dem Verband forschender Pharma-Unternehmen in Deutschland (vfa) zufolge machten die Verkäufe in Entwicklungsländer 2008 schon 26 Prozent der weltweiten Impfstoff-Produktion und drei Prozent des Umsatzes aus. Am Pfingstmontag machten Geber bei einem Impfgipfel in London neue Zusagen über mehr als 4,3 Milliarden US-Dollar (knapp drei Milliarden Euro). Insgesamt will Gavi bis 2015 fast 5,2 Milliarden Euro in die Impfung von einer Viertel Milliarde Kinder investieren.

Dass sich diese Investition nicht nur moralisch, sondern auch volkswirtschaftlich rechnet, belegen mehrere Studien, deren Ergebnisse unmittelbar vor dem Gebertreffen in London in den renommierten Magazinen Health Affairs und The Lancet erschienen . Darin sagen etwa Modelle amerikanischer Forscher um Sachiko Ozawa und Meghan Stack von der Johns Hopkins Bloomberg School of Public Heath voraus, dass durch die geplanten Impfkampagnen bis 2020 6,4 Millionen Kinderleben gerettet werden könnten . 100 Milliarden Euro würden alleine durch wegfallende Behandlungskosten und Produktivitätsausfälle eingespart. In einer weiteren Studie wird untermauert, dass ärmste Länder ohne Gelder aus dem Ausland nicht in der Lage wären, die benötigten Impfungen zu finanzieren.