Europas Bauern können wieder ihr Gemüse nach Russland exportieren. Die Europäische Union und Russland haben laut EU-Kommission in Moskau ein Abkommen zur Aufhebung des Importstopps unterzeichnet. Das sagte ein Sprecher der Brüsseler Behörde. Nach dem Ausbruch von Infektionen mit dem Ehec-Bakterium in Deutschland war der Importstopp verhängt worden.

Ursprünglich leben Ehec-Keime im Darm von Vieh. Wie der besonders aggressive Erreger vom Typ O104:H4, der nach wissenschaftlichen Erkenntnissen genauer Eaec heißen müsste, ursprünglich auf die Sprossen aus Niedersachsen kam, ist noch nicht geklärt.

Genaueres wissen die Behörden dagegen darüber, wie sich der Keim ausbreiten konnte: Alle Indizien sprechen dafür, dass die Epidemie in Deutschland von einem Hof im Landkreis Uelzen, Niedersachsen, ausging, wo Sprossen kontaminiert waren.

Neben der direkten Ansteckungsgefahr durch verkeimte Lebensmittel besteht das Risiko, dass sich Infizierte gegenseitig durch Schmierinfektion anstecken. Deshalb raten Behörden weiterhin zu besonders strikter Hygiene. Das gilt vor allem für Mitarbeiter von Restaurants und Lebensmittelbetrieben. Mitte Juni waren 20 Gäste einer Familienfeier infiziert worden, weil eine Mitarbeiterin eines Catering-Services sich unbemerkt angesteckt hatte. So kamen die Speisen in Kontakt mit dem Keim.

Russland verdächtigt als Quelle des Ehec-Bakteriums nun Fleisch und Milch aus Deutschland. Die Produkte von zehn Milchbetrieben und von drei Fleischerzeugern dürfen vom kommenden Montag an nicht mehr ins Land gelangen. Auch ein Geflügelbetrieb sei betroffen, teilte die staatliche russische Veterinäraufsicht mit. Russland bereitet demnach ein Importverbot für Produkte von insgesamt knapp 300 deutschen Unternehmen vor.

Die Entscheidung sei nach Inspektionen in Deutschland getroffen worden, sagte Veterinäraufsichtschef Sergej Dankwert. Dabei seien verschiedene Escherichia-coli-Bakterien auf unterschiedlichen Produkten entdeckt worden. "Wir haben immer darauf hingewiesen. Nun hoffe ich, dass die deutschen Behörden die Gefahr wahrnehmen", sagte Dankwert. Das Vorkommen von E.coli-Bakterien auf Lebensmitteln ist nichts Ungewöhnliches. Auch die natürliche Darmflora des Menschen ist von unterschiedlichen E.coli-Stämmen besiedelt. Die meisten davon sind harmlos.

Die Funde der russischen Kontrolleure beweisen also bislang keineswegs einen Zusammenhang zwischen der aktuellen Ehec-Epidemie und den Betrieben, deren Produkte jetzt nicht mehr nach Russland geliefert werden dürfen.

Bei den Bakterien, die Wissenschaftler als Ehec-Stämme bezeichnen, handelt es sich um E.coli-Bakterien, die mitunter gefährliche Giftstoffe bilden. Keiner der Varianten war bislang derart aggressiv, wie der derzeit umgehende Bakterien-Typ O104:H4. So wurde etwa im Mai an Gurken aus Spanien ein Ehec-Erreger nachgewiesen. Dabei handelte es sich aber nicht um den Auslöser der deutschen Epidemie.

Anfang dieses Jahres hatte Russland wegen des Dioxin-Skandals tagelang die Einfuhr von Schweinefleisch und Geflügel aus Deutschland verboten. Allerdings ist die Belastung von Lebensmitteln mit Dioxin – auch über bestehende Grenzwerte hinaus – nicht mit der Verunreinigung mit dem aggressiven Ehec-Keim zu vergleichen: Schon die Aufnahme weniger O104:H4-Ehec-Bakterien reicht aus, um an einem schweren Darminfekt zu erkranken. Im Vergleich zu bisherigen Epidemien mit Ehec-Erregern, entwickeln derzeit überdurchschnittlich viele der Infizierten auch die schwere Komplikation Hus mit Nierenversagen. Rund die Hälfte der von Hus Betroffenen leiden zusätzlich unter neurologischen Störungen. Der Verzehr von dioxinbelasteten Eiern ist dagegen nicht unmittelbar gesundheitsschädlich.

Bereits am Dienstag hatte die russische Nachrichtenagentur Ria Novosti gemeldet, Russland erwäge einen Importstopp für deutsches Fleisch. Dies bestätigte auch Russlands Hauptveterinärarzt Nikolai Wlassow.

Während die EU primär in Gemüsebetrieben nach den Ehec-Erregern sucht, sieht die russische Agrar-Aufsichtsbehörde Rosselchosnadsor nach Angaben Wlassows einen Viehzuchtbetrieb als Infektionsquelle. Da in Deutschland die meisten Erkrankungen auftraten, sei hier der Infektionsherd zu suchen.

Derweil darf der Frankfurter Gemüsehof, der nach einem Ehec-Fund in Salat und Waschwasser gesperrt worden war, wieder Lebensmittel verkaufen. Der Betrieb verstärke unter anderem seine Kontrollen, um künftig eine Belastung mit dem Darmkeim auszuschließen, teilte das hessische Verbraucherschutzministerium mit. Auf einem Salat aus dem Betrieb war am 9. Juni ein Ehec-Keim entdeckt worden. Dabei handelte es sich ebenfalls nicht um den gefährlichen Typ O104:H4. Die Ware wurde zurückgerufen. Da Ehec auch in der Salatwaschanlage festgestellt wurde, war der gesamte Betrieb gesperrt worden.