Die Nachwirkungen der Schweinegrippe-Welle, die im Winter 2009 um den Globus schwappte, erscheinen mysteriös. Zuletzt berichteten ZEIT ONLINE und DIE ZEIT über eine ungewöhnliche Häufung der sonst sehr seltenen Schlafkrankheit Narkolepsie unter jungen Europäern, die sich gegen H1N1 hatten impfen lassen. Der Verdacht: Wirkverstärker in dem umstrittenen Schweinegrippe-Impfstoff Pandemrix könnten dahinter stecken.

Nach Untersuchungen vor allem in Finnland und Schweden empfahl die Europäische Arzneimittelbehörde EMA Ende Juli, dass Kindern und Jugendlichen unter 20 Jahren die mit Wirkverstärkern versehene Vakzine nur noch ausnahmsweise gespritzt werden sollte. Eindeutige Beweise für einen Zusammenhang zwischen dem Impfstoff und den Narkolepsie-Fällen gibt es zwar nicht. Doch schien für Epidemiologen, Virologen, Neurowissenschaftler und Schlafmediziner einiges für diese Theorie zu sprechen. Schließlich entdeckte man etwa in den USA keinen vergleichbaren Anstieg der Narkolepsie-Erkrankungen. Dort impften die Behörden ohne Wirkverstärker, die von Medizinern als Adjuvantien bezeichnet werden.

Eine Fotostrecke zeigt, wie Narkoleptiker versuchen, mit ihrer Erkrankung zu leben.

Umso mehr verwundert nun eine Studie aus China. Dort beobachteten Forscher im Jahr 2010 dreimal mehr Narkolepsie-Fälle als sie sonst innerhalb eines Jahres erwartet hätten, kurz nachdem auch in China das H1N1-Virus grassierte. Das Team um Emmanuel Mignot vom Narkolepsie-Center der kalifornischen Stanford Universität durchforstete dafür die Akten von 906 Schlafpatienten, denen seit 1998 am Pekinger Universitätsklinikum die Diagnose Narkolepsie gestellt worden war. Die meisten Betroffenen waren bereits im Kindesalter erkrankt.

Allerdings unterscheiden sich ihre Schlussfolgerungen, die gerade im Magazin Annals of Neurology erschienen sind, in zwei Punkten gravierend von den europäischen: Nur acht der 142 befragten Chinesen, die 2010 an Narkolepsie erkrankten, erinnerte sich an eine Schweinegrippe-Impfung und keiner von ihnen hatte Pandemrix bekommen.

Was zerstört die Schlaf/Wach-Regulation der Erkrankten?

Die Fallzahlen der Forscher sind gering und stammen allesamt aus Daten eines einzigen Klinikums. Trotz dieser Einschränkungen und dem Hinweis, dass weitere Studien nötig seien, schreiben Mignot und seine Kollegen: "Die Daten deuten darauf hin, dass die H1N1-Impfung nicht die Ursache für den erhöhten Narkolepsie-Ausbruch in China ist."

Unsere Studie zeigt, dass allein schon eine Grippe-Erkrankung Narkolepsie auslösen kann.
Emmanuel Mignot, Schlafforscher

Der Schlafforscher Mignot kennt sich gut mit der Narkolepsie aus, die so selten wie tückisch ist. Schätzungsweise leiden rund drei Millionen Menschen weltweit an der Erkrankung, die vermutlich durch eine fehlerhafte Immunabwehr bestimmte Hirnzellen zerstört. Wissenschaftler um Mignot bestätigten 2009, dass die weißen Blutkörperchen von Narkoleptikern körpereigene Zellen bekämpfen . Dadurch setzt die Schlaf/Wach-Regulation aus.

Erkrankte sind oft dauerhaft müde und niedergeschlagen, nicken schlagartig ein. Besonders gefürchtet sind Kataplexien. Starke Gefühlsregungen lösen dabei plötzliche, sekunden- bis minutenlange Muskelentspannungen aus. Die Betroffenen sacken bei vollem Bewusstsein in sich zusammen, ohne die Kontrolle über ihren Körper halten zu können.

"Unsere Studie zeigt, dass allein schon eine Grippe-Erkrankung Narkolepsie auslösen kann", sagte Mignot der New York Times . Mehr noch: "Vielleicht können gewöhnliche Grippe-Impfstoffe dagegen schützen." Dieser Schluss scheint nahe zu liegen. Die Forscher schauten sich die Narkolepsie-Daten aus Peking genauer an und entdeckten, dass die Schlafkrankheit in den vergangenen 13 Jahren oft etwa ein halbes Jahr nach einer Infektionswelle mit Grippeviren oder anderen Atemwegserregern auftauchte. Zwar belege das weder Ursache noch Folge, bestätigt aber auch bisherige Beobachtungen.