Mal ehrlich: Wer wählt im Supermarkt nicht sorgfältig vor der Apfel-Kiste die Früchte aus, die keine Druckstellen haben? Als Verbraucher erwarten wohl die meisten Makellosigkeit. Und der Handel bedient diese Erwartung. Ein Henne-Ei-Problem, bei dem beide Seiten etwas ändern können und müssen. Denn in Deutschland landen täglich Lebensmittel jeglicher Art im Müll, die längst nicht verdorben oder ungenießbar sind.

Wie viel tatsächlich verschwendet wird, lässt das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) nun in der "nationalen Wegwerfstudie" ermitteln. Dabei ist es zweitrangig, ob es nun sechs oder 20 Millionen Tonnen Nahrung sind (wie derzeit geschätzt), die pro Jahr weggeworfen werden, obwohl sie noch genießbar gewesen wären. Zu groß ist die Menge in jedem Fall.

Statt zu fragen, wie sich diese ungeheuerliche Verschwendung vermeiden ließe, dreht sich die Debatte derzeit um den Begriff "Mindesthaltbarkeitsdatum". Da der Verbraucher nicht verstehe, was damit gemeint ist, solle eine neue Formulierung her, schlug etwa der Vorsitzende des Verbraucherausschusses, Hans-Michael Goldmann (FDP) vor. Doch das scheint wenig sinnvoll – zumal sich der Verbraucher offenbar eher am Datum als am Wort davor orientiert . Das zeigt sich etwa in Großbritannien, wo es andere Formulierungen gibt, aber trotzdem 8,3 Millionen Tonnen Lebensmittel im Müll landen.

Sinnvoller als Abfall-Zählen oder Formulierungsfragen ist daher Aufklärung. Was die vorhandenen Bezeichnungen meinen zum Beispiel. Oder einfach wieder zu lernen, mal selbst zu probieren und zu schmecken, ob der Joghurt noch gut ist, "obwohl" er drei Tage über das MHD hinaus ist.

Generell sollten wir unseren Lebensmitteln mehr Wertschätzung entgegenbringen, sagen auch Wissenschaftler. Bei aller Forderung nach Aufklärung ist aber das "wie" entscheidend. Das BMELV betont, man habe bereits eine Kampagne zur Wertschätzung von Lebensmitteln . Haben Sie schon davon gehört? Nein? Dann suchen Sie auf den Webseiten des BMELV einfach danach, am besten vor dem Einkauf. Selbst wer die Werbemittel mit einer lächelnden Bundesministerin entdeckt: Wie hilfreich ist ein Interview mit Ilse Aigner nebst dem grammatikalisch fragwürdigen Slogan "Jedes Mahl wertvoll: unsere Lebensmittel"?

Selbst wenn eine Kampagne Begriffe richtig erklären helfen kann und die Verbraucher-Erwartungen sich nicht mehr an Makellosigkeit orientieren: Das Problem der Lebensmittel-Verschwendung löst dies nicht.

Schließlich steht der Verbraucher am Ende einer langen Produktkette und auch auf dem Weg dorthin werden Lebensmittel auf dem Acker liegen gelassen oder im Handel aussortiert. An jeder Stelle der Kette gibt es Gründe, weshalb das passiert. Allein deshalb ist es mit einer Aufklärungskampagne für Verbraucher nicht getan. Das Problem erfordert eine vernetzte Lösungsstrategie, die alle Stellen vom Acker bis in den Kühlschrank mit einbezieht. Politiker sollten eine solche Strategie entwickeln, statt über Begrifflichkeiten zu debattieren.