Für die erste Lieferung machte sich Jill Youse persönlich auf den Weg. Von Columbia, Missouri fuhr sie zum Flughafen nach Chicago. Dort gab sie Gepäck auf, das in Südafrika Leben retten sollte: Die 34-jährige Mutter von zwei Mädchen schickte ihre eigene Muttermilch nach Afrika. Sie hatte von einem Waisenhaus gelesen, in dem Babys leiden, weil sie keine Milch bekommen. Youse wollte helfen.

Das war vor fünf Jahren und der Anfang des Breastmilkproject , des Muttermilch-Projekts. Youse gründete die Hilfsorganisation ein Jahr später, seither baut sie ein Netzwerk an Milchspenderinnen auf. Stillende Mütter in den USA pumpen dafür ihre eigene Milch ab und schicken sie Tausende Kilometer weit nach Afrika.

Am Anfang waren es Frauen aus dem Freundeskreis, inzwischen spenden rund 5.000 Mütter Milch, vor allem in den USA. Bisher wurden so rund 7.700 Liter, mehr als 67.000 Fläschchen, nach Afrika geschickt. Die Hilfsorganisation arbeitet dafür mit anderen Unternehmen und Einrichtungen weltweit zusammen, die ihre Dienste kostenlos zur Verfügung stellen. Die Amerikanerinnen haben ein eigenes System entwickelt, denn etwas Vergleichbares hatte zuvor noch nie jemand versucht, erklärt Amanda Nickerson vom Muttermilch-Projekt.

Mit einer Handpumpe füllen die stillenden Mütter ihre Milch, die ihr eigener Nachwuchs nicht braucht, in trinkglasförmige Verpackungen ab. Diese werden in Boxen gepackt und eingefroren. Alle paar Wochen schicken die Mütter die Milch über einen Kurier an ein Unternehmen, das die Muttermilch pasteurisiert, also erhitzt, sodass Keime und Bakterien abgetötet werden. Außerdem wird die Milch – wie Blutspenden auch – auf Krankheitserreger untersucht. Eine New Yorker Spezialfirma, die sonst den weltweiten Austausch von Organen oder Blutspenden abwickelt, organisiert dann den Transport der Muttermilch nach Afrika. Auf Trockeneis wird sie gelagert, als High-Priority-Gut behandelt.

Fremde Muttermilch ist für Säuglinge kein Problem

In Afrika arbeitet das Breastmilk-Projekt mit mehreren bereits bestehenden Milchbanken zusammen. Von dort wiederum, in Südafrika, wird die verschickte Muttermilch an lokale Krankenstationen oder Waisenhäuser verteilt. "Die Ärzte verschreiben sie an Aids-Waisen, deren Mütter gestorben sind, oder an Babys, denen künstliche Nahrung nicht bekommt", sagt Amanda Nickerson. Dass Muttermilch sehr individuell ist, sei kein Problem. "Die meisten der Babys kämpfen ums Überleben", sagt Nickerson. "Sie sind nicht wählerisch."

Das bestätigt auch Edith Wolber, die Sprecherin des Deutschen Hebammenverbandes – und damit Stillexpertin. "Kleinkinder akzeptieren auch die Milch einer anderen Frau relativ problemlos – egal woher diese kommt." Vor allem für Frühgeburten kämen Muttermilch-Spenden infrage, bis in die achtziger Jahre seien sie auch in Deutschland verbreitet gewesen. "Heute findet das Thema Muttermilchspende eher wenig Beachtung."

Weltweit gibt es laut Unicef mehr als 132 Millionen Waisenkinder. Die meisten davon leben in Afrika, wo die HIV-Infektionsrate hoch ist und deshalb viele Mütter früh sterben . Dabei sei die Ernährung mit Muttermilch entscheidend für die geistige und körperliche Entwicklung von Kindern . "Sie enthält alle wichtigen Nährstoffe und Antikörper", erklärt Tanja Funkenberg, Gesundheits-Expertin beim Kinderhilfswerk terre des hommes. "Мuttermilch stärkt das Immunsystem und trägt zu einer Steigerung der Überlebensrate von Kleinkindern bei."