Glückliche Rentner, soweit das Auge reicht. Auf der Müsli-Schachtel, auf der Dosensuppe, sogar auf der Käseverpackung: Wohin Alexander auch schaut, das Supermarktregal ist voll mit vitalen Alten. "Bringt das Gedächtnis in Schwung", prangt auf dem Energie-Riegel. "Für starke Knochen", jubelt der Joghurt.

Jugendwahn war früher. Im Jahr 2032 ist Ü-60 die neue Zielgruppe der Lebensmittelindustrie. Denn mehr als jeder dritte Deutsche ist im Rentenalter. Das sind anteilig mehr Alte als in jedem anderen Land der Europäischen Union. Die Quote ist zwar niedriger, als sie einst für dieses Jahr vorausberechnet wurde. Dennoch hat die gealterte Gesellschaft das Warenangebot in den Lebensmittelmärkten maßgeblich verändert: Die Verpackungen sind kleiner und leichter zu öffnen, die Schriftzüge größer. Kalorienarme Produkte sollen gegen Volkskrankheiten wie erhöhte Cholesterinwerte, Diabetes und Herzerkrankungen helfen.

Milena legt fettarmes Fleisch in den Einkaufswagen, und eine Flasche Milch, Fettanteil 0,5 Prozent. "Meine Mutter ärgert sich immer noch, dass die die Vollmilch aus dem Programm genommen haben. Du bekommst sie nun gar nicht mehr", sagt sie und schiebt den Wagen weiter durch den Gang, vorbei an der Trinkstation.

"Schau mal, hier stehen überall Wasserspender herum." Alexander greift nach einem der blauen Becher. "Die hatten wir in der Schule auch. Und auf der Arbeit gibt es auf jedem Stockwerk drei", antwortet Milena. Eher unbewusst hat sie sich dadurch abgewöhnt, ihren Durst zwischendurch mit ungesunden Softdrinks zu löschen.

Vier Sterne für das Müsli

"Und, was brauchen wir noch?" Milch und Fleisch sind schon von der elektronischen Einkaufsliste verschwunden, die auf dem kleinen Bildschirm am Handlauf des Wagens leuchtet. Der erkennt, welche Produkte in seinem Drahtkorb liegen. Müsli fehlt noch, außerdem Obst und Mais. Und Edamer. "Ich dachte, wir hätten noch welchen daheim", sagt Alexander. "Da sagt der Kühlschrank was anderes. Der Käse ist längst über das Verfallsdatum", gibt seine Freundin zurück.

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Während sie sich schon einmal auf den Weg zur Käsetheke macht, soll Alexander Frühstücksflocken holen. Schnell tippt er den Produktnamen auf dem Screen des elektronischen Wegweisers ein. Ein rot blinkender Punkt markiert den Gang, in dem er suchen muss.

"Niedriger Zuckeranteil, Rohstoffe aus der Region, geringe Treibhausgasemissionen." Rasch überfliegt Alexander das Vier–Sterne–Siegel auf der Müsli-Packung. Offensichtlich haben die Frühstücksflocken gut abgeschnitten in den Kategorien Gesundheit, Tierschutz und Umwelt. Das Einheitssiegel hat die Label-Flut der vergangenen Jahre beendet. Seither kann jeder Verbraucher sehr simpel entscheiden, wie gesund er einkaufen will. Alexander entscheidet sich trotzdem für Pops und Cornflakes.

"Hoher Fettanteil, viele Ballaststoffe, verarbeitet in der Region", dafür gibt es immerhin zwei Sterne. Was soll man von Tiefkühlpizza auch anderes erwarten? Alexander wirft sie zu der Instant-Nudelsuppe und der Fertig-Lasagne in den Einkaufswagen. Neben Studium und Job bleibt ihm kaum Zeit, noch selbst zu kochen. Also isst er wie die meisten Deutschen unter der Woche auswärts. Oder er greift zu Convenience-Produkten: Deckel ab und rein in die Mikrowelle.