Alzheimer macht Angst. Es ist die Furcht davor, nicht mehr Herr seines Verstandes und seiner Erinnerungen zu sein und Stück für Stück seine Unabhängigkeit zu verlieren, um am Ende hilflos der Krankheit ausgeliefert zu sein und anderen zur Last zu fallen. "Wenn es eine Sache in meinem Leben gibt, vor der ich immer Angst hatte, so richtig Schiss auf gut Deutsch, dann Alzheimer", sagt der ehemalige Fußballmanager Rudi Assauer, bei dem das Leiden immer weiter fortschreitet. "Bloß nicht dement werden im Alter, das schwirrte mir oft im Kopf herum." Assauer kommt aus einer Familie, in der die Krankheit häufig ist.

Medikamente können das Leiden vielleicht um ein Jahr verlangsamen, an Heilung ist bis heute nicht zu denken. Desto reichlicher sprudeln die Ratschläge, wenn es um Vorbeugung geht. Von Gehirnjogging und Sudoku-Rätsel über Ginkgo-Pillen und Rotwein bis hin zu Tanz- und Sprachkursen, das alles und noch viel mehr soll vor Alzheimer schützen.

Umso überraschender war die Analyse, die eine Gruppe führender Alzheimer-Forscher im Auftrag des amerikanischen Gesundheitsministeriums im April 2010 vorlegte. Auf 727 Seiten hatten die unabhängigen Experten unter Vorsitz der Präventionsmedizinerin Martha Daviglus von der Northwestern University in Chicago alle wesentlichen Untersuchungen zu der Frage ausgewertet, wie man der Alzheimer-Krankheit und dem Abbau geistiger Leistungsfähigkeit vorbeugen kann.

Es gebe derzeit "keinen Beweis von auch nur bescheidener wissenschaftlicher Qualität für einen Zusammenhang von einem veränderbaren Einflussfaktor – Nahrungsergänzungsmittel, Medikamente, Ernährung, Bewegung und soziales Engagement – und einem verringerten Risiko der Alzheimer-Krankheit". Ähnlich dürftig ist die Lage beim Thema allgemeiner geistiger Abbau, befanden die Fachleute. Das bedeute nicht, dass es nicht möglich sei, vorzubeugen. Aber der Stand des Wissens erlaube noch keine klaren Empfehlungen.

Das Glas der Alzheimer-Vorbeugung ist noch nicht einmal halbvoll: Die schonungslose Offenheit des Reports stieß in der Alzheimer-Forschergemeinde auf ein geteiltes Echo. Bemängelten die einen zu großen Pessimismus und Nihilismus, lobten die anderen das Votum als Weckruf für mehr und bessere Forschung. Weil man die frühen Anzeichen der Krankheit mittlerweile feststellen könne, etwa durch Hirnscan-Untersuchungen, werde man besser studieren können, was bei der Vorbeugung helfe, hofft etwa der Chemiker Konrad Beyreuther von der Universität Heidelberg, einer der führenden deutschen Alzheimer-Forscher.

Der Weckruf der kritischen Forscher wirkt. Die US-Regierung will die Mittel für die Forschung 2012 um 50 Millionen Dollar aufzustocken. Im Entwurf für einen Nationalen Anti-Alzheimer-Plan ist davon die Rede, dass man bis 2025 eine erfolgreiche Vorbeugung und Behandlung entwickeln will.

Bevor man sich über Alzheimer-Vorbeugung Gedanken machen kann, muss man sich darüber klar sein, dass der größte Risikofaktor, das Alter, nicht zu beeinflussen ist, ebenso wenig wie eine genetische Veranlagung für das Leiden. Mit 40 oder 50 Jahren erkranken nur wenige, mit den Jahren wird Demenz dann wesentlich häufiger. Erst im hohen Alter nimmt die Zahl der Neuerkrankungen wieder ab. Alzheimer ist also ebenso wie Krebs und Herzleiden ein Kollateralschaden steigender Lebenserwartung. Die Menschen werden so alt, dass sie diese "Wohlstandskrankheiten" noch erleben. Zugleich ist Alzheimer nicht unausweichlich. Neun von zehn Menschen jenseits der 65 sind nicht dement.