Der Organspende-Skandal an der Göttinger Universitätsklinik ist größer als bisher angenommen. Das Klinikum teilte mit, der Verdacht habe sich erhärtet, dass ein zweiter Arzt an den Manipulationen bei der Organtransplantation beteiligt war oder selbst manipuliert habe. Der Mann sei vom Dienst freigestellt worden. Auch die Staatsanwaltschaft in Braunschweig bestätigte die Ermittlungen. Die Wohnung und der Arbeitsplatz des leitenden Mediziners seien durchsucht worden.

Gegen einen anderen Oberarzt der Göttinger Klinik wird bereits wegen Bestechlichkeit ermittelt. Er soll Akten gefälscht und so dafür gesorgt haben, dass die eigenen Patienten beim Empfang von Spenderlebern bevorzugt wurden. Es werden 25 Fälle aus den Jahren 2010 und 2011 untersucht. Der Arzt, der seit November vom Dienst suspendiert ist, bestreitet nach Klinikangaben die Vorwürfe zu den Vorgängen in Göttingen . Gegenüber der Staatsanwaltschaft Braunschweig äußerte er sich zunächst nicht.

Inzwischen ist bekannt geworden, dass der 45-Jährige schon 2005 in Bayern für Ungereimtheiten bei Transplantationen gesorgt haben soll. Vor seiner Zeit an der Göttinger Uniklinik hatte er in einem Krankenhaus in Regensburg gearbeitet. Es seien damals jordanische Patienten verbotenerweise auf eine Warteliste für europäische Transplantations-Patienten gesetzt worden, sagte die Sprecherin des Regensburger Klinikums, Cordula Heinrich.

Leber für europäische Empfänger in Jordanien transplantiert

Außerdem sei eine Leber in Jordanien transplantiert worden. "Das hätte so nicht sein sollen", sagte die Sprecherin, die einen Bericht der Süddeutschen Zeitung bestätigte. Die Missstände in Regensburg waren bei einer Untersuchung der Bundesärztekammerkommission im Jahr 2006 aufgedeckt worden. Auch die Staatsanwaltschaft hatte damals ermittelt, ihre Untersuchungen aber eingestellt. "Die Klinik hat Konsequenzen aus den Vorfällen gezogen und seitdem ausführliche Richtlinien zur Transplantationen mit Ausländern aufgestellt", sagte Heinrich.

Der Oberarzt hatte nach Klinikangaben von 2003 bis 2008 in Regensburg gearbeitet und im Jahr 2004 eine Kooperation mit dem Jordan Hospital in Amman aufgebaut. Dies sei mit Wissen und Unterstützung der Bayerischen Staatsregierung zur Förderung des Standortes Bayern im Arabischen Raum geschehen, sagte die Sprecherin. Ziel war es, ein Programm für Lebertransplantationen aufzubauen und wissenschaftlich zu begleiten. "Die deutschen Mediziner sind immer wieder nach Jordanien geflogen, um die Operationen durchzuführen und die dortigen Ärzte anzuleiten", sagte Heinrich.

Dem Bericht zufolge wurde im April 2005 eine Leber, die eigentlich einem europäischen Empfänger zugestanden hätte , einer Frau im Jordan Hospital in Amman transplantiert. Außerdem waren mehrere Patienten, die in Jordanien operiert wurden, fälschlicherweise als Patienten des Universitätsklinikums Regensburg auf die Warteliste gesetzt worden. Das machte sie zu möglichen Empfängern von Organen aus dem Eurotransplant-Verbund. Darin sind sieben europäische Länder sowie Ungarn als Probemitglied zusammengeschlossen. Ausländer, die sich nicht im Eurotransplant-Gebiet aufhalten, haben keinen Anspruch auf die Organe.