In Deutschland werden laut einem Zeitungsbericht immer mehr Spenderorgane an der offiziellen Warteliste vorbei vergeben. Zahlen des Bundesgesundheitsministeriums zeigten, dass derzeit jedes vierte Herz, jede dritte Leber und jede zweite Bauchspeicheldrüse direkt von den Krankenhäusern an selbst ausgesuchte Patienten vergeben werden, berichtete die Frankfurter Rundschau. Vor zehn Jahren habe der Anteil der mittels sogenannter beschleunigter Vermittlungsverfahren vergebenen Organe noch unter zehn Prozent gelegen.

Dem Bericht zufolge soll das Verfahren eigentlich dann angewendet werden, wenn Organe von älteren oder kranken Spendern zur Verfügung stehen, für die es nur wenige geeignete Empfänger gibt. Unter Experten gelte es jedoch als anfällig für Manipulationen. Wiederholt war der Verdacht aufgekommen, Organe würden häufiger als krank eingestuft, um das bestehende System der Organverteilung zu unterlaufen.

Der Vorstand der Patientenschutzorganisation Deutsche Hospiz Stiftung, Eugen Brysch, sprach gegenüber der Frankfurter Rundschau von einer "Einflugschneise für Manipulationen". Er forderte Aufklärung darüber, wie der Anstieg der im beschleunigten Verfahren vergebenen Organe zustande gekommen sei.

"Anstieg ist erklärungsbedürftig"

Auch der Grünen-Gesundheitspolitiker Harald Terpe forderte eine Untersuchung. "Der enorme Anstieg dieser Transplantationen ist erklärungsbedürftig", sagte er der Zeitung. Die Praxis der beschleunigten Vermittlung müsse transparent gemacht werden. "Nach den Ereignissen in Göttingen und Regensburg müssen wir alles tun, um sicherzugehen, dass nicht auch an anderer Stelle manipuliert wird."

An der Uniklinik Göttingen steht neben dem früheren Oberarzt ein weiterer leitender Arzt im Verdacht, in 23 Fällen Patientenakten manipuliert zu haben. Die Staatsanwaltschaften Braunschweig und Göttingen ermitteln wegen Bestechlichkeit beziehungsweise wegen des Anfangsverdachts auf Tötungsdelikte.

Geprüft wird, ob die Bevorzugung bestimmter Patienten bei Organtransplantationen den Tod anderer Menschen bedingt haben könnte, die nicht zum Zuge kamen. Die bayerischen Justizbehörden prüfen, ob es auch am Uniklinikum Regensburg Manipulationen von Krankendaten im Zusammenhang mit Lebertransplantationen gegeben hat.

Die geschäftsführende Ärztin bei der Deutschen Stiftung Organtransplantation, Ulrike Wirges, hatte bereits vergangene Woche die Befürchtung geäußert, dass wegen des Betruges ursprünglich Bereitwillige von Organspenden absehen.