Groß + schlank = Übergewicht? – Seite 1

Bin ich dick? Erschließt sich diese Frage nicht auf den ersten Blick, ist der Body-Mass-Index (BMI) ein beliebter und sehr alter Indikator für Übergewicht. Ihn zu errechnen, ist ganz einfach: Man teilt das Körpergewicht (in Kilogramm) durch die Körpergröße (in Metern) zum Quadrat. Das Ergebnis: Alles zwischen 18,5 und 25 ist normal; alles darüber zu viel. So einfach ist das. Oder doch nicht?

Das Problem an dieser Formel ist, dass bloß zwei Werte festlegen, ob jemand zu viel Fett auf den Rippen hat oder nicht. Schlimmer noch: Während der BMI großen Menschen vorgaukelt, zu dick zu sein, lässt die magische Zahl kleinere Menschen schlanker erscheinen, als sie sind. Folglich schätzen viele ihr persönliches Risiko, durch Übergewicht an Bluthochdruck, Diabetes oder Herzinfarkt zu erkranken, falsch ein. Und selbst Ärzte irren im Vertrauen auf den BMI.

Der Mathematiker Nick Trefethen, selbst von hoher Statur, aber schlank, von der Uni Oxford hat eine präzisere BMI-Formel entwickelt. Dafür passte er den Exponenten im Nenner an: Statt einer zwei verwendet er eine 2,5.

Die Folge: Der BMI von großen Menschen sinkt rechnerisch und der von kleinen Menschen steigt. Grob gesagt verlieren Personen ab 1,80 Meter Körpergröße einen BMI-Punkt, Menschen unter 1,60 gewinnen einen hinzu. Nach dieser Rechnung würde sich der BMI von Millionen Menschen in Deutschland ändern.

Zusätzlich skaliert Trefethen seinen BMI mit dem Faktor 1,3 – um die Ergebnisse aus der alten und neuen Formel vergleichbar zu machen. Da die Wurzel aus 1,69 gerade 1,3 ist, stimmen so alter und neuer BMI für einen 1,69 Meter großen Menschen überein.

Das Non-plus-Ultra sei auch seine Formel nicht, sagt Trefethen. "Menschliche Körper sind kompliziert und jede BMI-Formel wird immer bloß eine einzelne Zahl ausspucken." Umso schlimmer sei die heutige Formelgläubigkeit: "Die Abhängigkeit unseres Medizin- und Versicherungswesens von so einer einfachen Formel beunruhigt mich sehr", sagt der Mathematiker.

Genauer als die alte BMI-Rechnung – aus einer Zeit, als es weder Taschenrechner noch Fettwagen gab – ist die Trefethen-Formel allemal. Fachleute streiten seit Jahren über den BMI. Wo sitzt das Fett am Körper? Wie muskulös ist jemand? Wie schmal oder stämmig ist jemand gebaut? All diese Faktoren sind wichtig, um ein bedenkliches Übergewicht oder auch ein gefährliches Untergewicht zu erkennen.

 

Der deutsche Ernährungsforscher Hans-Georg Joost kritisiert den Fettindikator seit Längerem. "Muskelgewebe ist dichter als Fett. Das heißt, ein Leistungssportler kann relativ viel wiegen, ohne dass sein Körperfettanteil bedenklich wäre", sagt Joost. Noch problematischer sei, dass der BMI die Fettverteilung nicht berücksichtige: "Für die eigene Gesundheit ist aus medizinischer Sicht ein Kugelbauch wesentlich gefährlicher als ein korpulentes Gesäß." Deshalb plädiert der Ernährungsforscher dafür, bei der Risikovorhersage auch auf den Bauchumfang zu achten.

Neben Medizinern diskutieren auch Mathematiker den BMI kontrovers. So findet sich auf der Seite der Mathematical Association of America der unterhaltsame Beitrag Glaubst du an Feen, Einhörner und den BMI?. Keith Devlin beschreibt darin, dass laut BMI sogar George Clooney, Johnny Depp und Brad Pitt wohl als übergewichtig gelten würden. Ebenso machte sich der britische Mathematiker Niall MacKay bereits vor ein paar Jahren für eine Anpassung des BMI stark.

Im Laufe der Debatte erhielt Nick Trefethen E-Mails aus der ganzen Welt. In einer davon erfuhr er: Schon der Urvater des BMI, Adolphe Quetelet aus Belgien, hatte die Idee einer genaueren Formel. In seinem Aufsatz Über den Menschen und die Entwicklung seiner Fähigkeiten aus dem Jahr 1835 schlägt Quetelet genau den Exponenten vor, den der Oxford-Mathematiker jetzt eingebaut hat: eine 2,5. Doch mit dieser Zahl konnte sich der Pionier damals nicht durchsetzen.