Wieso liegen AAP und ihre internationalen Schwesterverbände in ihren Bewertungen so weit auseinander? "Die AAP zitiert selektiv Publikationen, die sich für eine 'prophylaktische' Beschneidung aussprechen und unterdrückt andere, die dagegen sprechen", sagt Volker von Loewenich, der Sprecher der Ethikkommission der Deutschen Akademie für Kinder- und Jugendmedizin DAKJ. Auch er beteiligte sich an der Kritik der AAP-Empfehlung.

Doch warum stuft die AAP die Beschneidung als weniger riskant ein? Der Hauptautor der AAP-Replik, Morten Frisch, weist auf eine Auffälligkeit hin. Pro Jahr würden Ärzte in den USA eine Million Jungen beschneiden. Das beschere ihnen auch einen Umsatz von mehreren Hundert Millionen US-Dollar. Die behandelnden Ärzte werden "überwiegend von AAP und ACOG (dem US-Verband der Gynäkologen und Geburtshelfer, mit dem die AAP ihre Richtlinie abgestimmt hat) vertreten", die "gleichzeitig als einzige Fachverbände weltweit behaupten, dass die Vorteile einer Beschneidung überwiegen". Dass sich daraus ein möglicher Interessenkonflikt ergibt, ist für Frisch "offensichtlich" und er findet es "merkwürdig, dass dieser nicht deklariert wurde".

An der aktuellen Gesetzeslage in Deutschland wird die Kritik der internationalen Kinderärzte wohl nichts mehr ändern können. Sie kommt schlichtweg zu spät. Für den Verbandspräsidenten Hartmann liegt die Verantwortung jetzt bei den Eltern. "Der Gesetzgeber hat das Kindeswohl dem Erziehungsrecht untergeordnet. Eltern bestimmen letztendlich, was Kindeswohl ist." Hartmann und seine Kollegen appellieren daher an die Eltern, "zu warten, bis ihre Jungen alt genug sind, um selber über eine etwaige Beschneidung zu entscheiden".