Die Horrorvision: Ein von Menschen im Labor geschaffenes Killervirus, tödlich und hoch ansteckend. Und das in den Händen von Terroristen, die es als Biowaffe einsetzen? Nicht auszudenken, was passieren würde, wenn ein solches Supervirus auch nur versehentlich aus einem Hochsicherheitslabor entfleuchte: Eine Pandemie mit Millionen Toten könnte die Folge sein.  

Seit 2011 wird um diese Eventualität heftig diskutiert. Damals hielt Grippespezialist Ron Fouchier vom Erasmus Medical Center in Rotterdam auf Malta einen Vortrag. Sein Thema: Vogelgrippeviren (A/H5N1), die durch einige Veränderungen in seinem Labor gelernt hatten, per Tröpfcheninfektion von Frettchen zu Frettchen zu springen.

"Jeder verließ den Saal mit dem Gefühl, dass hier etwas sehr Gefährliches geschaffen wurde", erinnert sich der Marburger Grippeforscher Hans-Dieter Klenk. Er berät den Deutschen Ethikrat, der sich derzeit mit dem Thema "Biosicherheit – Freiheit und Verantwortung in der Wissenschaft" beschäftigt und für Deutschland eine Position zu den Rotterdamer Virenexperimenten finden muss.

Erst die Publikation Fouchiers im Magazin Science hätte den Eindruck von der Gefährlichkeit der Experimente schließlich widerlegt, sagt Klenk. Bis dahin waren längst jede Menge Gerüchte um die vermeintlichen "Frankenstein-Viren" aus dem Fouchier-Labor im Umlauf. Dessen Forschung hatte eine Biowaffendebatte losgetreten, die sein Labor und ähnliche Arbeiten von Kollegen ein Jahr lang lahmlegte. Nicht nur viele Medien, sondern auch verschiedene Kommissionen in den USA, bei der Weltgesundheitsorganisation und aus der Wissenschaft schalteten sich ein. 

Sie alle bewegten ähnliche Fragen: Darf man Forschungsergebnisse, die den Menschen sowohl schaden als auch nützen können ("dual use"), veröffentlichen? Wer soll darüber entscheiden? Darf man Viren gefährlicher machen, als sie ohnehin sind? Und unter welchen Bedingungen? In Deutschland soll nun der Ethikrat sein Votum abgeben, wie Forschungsfreiheit und Schutz der Bevölkerung abgewogen werden können.

Internationale Regeln dazu fehlen bis heute, auch wenn die Studien nach langem Hin und Her veröffentlicht wurden und das Moratorium im Januar 2013 mit der Begründung aufgehoben wurde, dass die Arbeit an den gentechnisch veränderten Vogelgrippeviren zwar nicht ohne Risiko, das Nichtstun aber gefährlicher sei. Schließlich könne auch in der Natur ein solches Vogelgrippevirus entstehen, das über die Atemluft unter Säugetieren übertragbar ist und eine Pandemie auslösen kann. Das Urteil der meisten Fachleute: Es sei unerlässlich, dieses Potenzial zu erforschen, um gewappnet zu sein und im Ernstfall schnell passende Impfungen und Medikamente entwickeln zu können.