Angesichts solcher Zahlen "ist von einer deutlichen Überdiagnostik und pharmakologischen Übertherapie auszugehen", sagt etwa Rainer Richter, der Präsident der Bundespsychotherapeutenkammer. Er sieht sogar eine neue Diagnose-Epidemie für Kinder auftauchen: Mit der Disruptive Mood Dysregulation Disorder (DMDD) werde eine Krankheit geschaffen, die es vorher nicht gab. Eine Diagnose könnten Kinder und Jugendliche bekommen, die einfach nur Wutanfälle haben.  "Insgesamt ist die Forschung aber noch zu dürftig, um eine neue Diagnosekategorie zu begründen", sagt Richter. Ähnlich wie bei Verlusttrauer schaffe die amerikanische Fachorganisation Apa mit DMDD eine Störung für normales Verhalten.

Auch wenn die Kritiker warnen, für Patienten in Deutschland könnte sich erst verzögert etwas ändern. Nach welchen Kriterien in Deutschland ein Arzt einem Betroffenen etwa eine Depression diagnostizieren kann, regelt ein anderes System. Die International Classification of Diseases in seiner zehnten Auflage, kurz ICD-10, beschäftigt sich in Kapitel V mit psychischen Krankheiten. Die Weltgesundheitsorganisation WHO gibt es heraus.

Warum also die Aufregung? Schüren Lobbygruppen von Psychiatern und Psychotherapeuten nur unnötige Ängste? Nein. Denn DSM-5 wird einen gehörigen Einfluss auf die neue ICD-Auflage haben, die in zwei Jahren veröffentlicht werden soll. Sie ist bindend für deutsche Ärzte und legt die Kriterien fest, nach denen Krankheiten diagnostiziert werden sollen. Und sie orientiert sich im Bereich der psychischen Leiden seit jeher an den Vorgaben des DSM.

Bis DSM-5 im Behandlungszimmer deutscher Ärzte ankommt, dauert es noch. Wissenschaftler wie Wolfgang Maier und Rainer Richter aber werden schon vorher mit DSM-5 arbeiten müssen: In der internationalen Forschung führt an dem ungeliebten System kein Weg vorbei.