Sabri Taher weiß, was fremde Besucher gerne hören. "Besser als jede Flasche Champagner!", ruft er aus und gestikuliert einladend über seiner grünen Ware: Blätter der Khatpflanze, die zerkaut belebend wirken und das Hungergefühl betäuben. Mit gekreuzten Beinen sitzt der 23-Jährige auf der Ladefläche seines Toyota Pick-ups. Von Zeit zu Zeit raschelt er durch die kostbaren Blätterbüschel, die alle sorgfältig verpackt in kleinen Plastiktüten vor ihm liegen. 

Die Laune des Khathändlers kurz nach Mittag ist gut, die Hälfte ist bereits verkauft. Vier bis fünf Büschel der Kaublätter reichen seinen Kunden als Tagesration. Mit 500 Stück kam er am Morgen hierher. Nach drei Stunden fährt er wieder heim – mit einem Profit zwischen 100 und 150 Dollar. Im Jemen ist er damit ein gemachter Mann.

Das unbebaute Grundstück, auf dem die fliegenden Khat-Händler ihre Ware feilbieten, liegt im Herzen des Al-Asbahi-Neubauviertels von Sanaa. Rundherum gibt es Modegeschäfte, jede Menge frisch hochgezogener Wohnblocks, dazwischen ein Hyper-Kaufhaus und Restaurants. Anwohner wie Hani Mushrif kaufen sich hier die Nationaldroge. Der 35-Jährige ist Angestellter in einem Ministerium, will nicht sagen, in welchem. Kein Wunder, schließlich kauft er bereits mittags seine Khat-Ration für das gemütliche, nachmittägliche Kauritual "mit Arbeitskollegen und Geschwistern" daheim. Das dauert in der Regel vier bis sechs Stunden. Gemeinschaft stiften die Blätter, schwärmt er. Sie sorgen für Familienfrieden, lindern Diabetes, erhöhen die Konzentration und beruhigen die Nerven.

Was er nicht sagt: Die Volksdroge hat dem Jemen auch die weltweit höchste Rate an Mund-, Speiseröhren- und Zungenkrebs beschert. Alle Kranken werden, wenn überhaupt, im Gumhouri-Hospital in Sanaa behandelt, dem einzigen Krebszentrum im gesamten Land. Mohamed Ahmed war Bäcker in einem Imbiss am Standrand von Sanaa. Vor neun Monaten begannen Probleme beim Schlucken, jetzt liegt der 47-Jährige mit Speiseröhrenkrebs im Endstadium in der Klinik. Die Decke hat er bis an den schmerzenden Hals gezogen, sechs Kinder hat er daheim. "Gott wird für sie sorgen", murmelt er matt.