Das Leid der anderen

"Wir dachten, mit Liebe geht das." Dieser Satz, den Robert Enkes Frau nach dem Suizid ihres Mannes im November 2011 öffentlich aussprach, sagt eigentlich alles darüber, was es heißt, mit einem psychisch kranken Menschen zusammen zu sein. Das Gefühl, nicht helfen zu können, und am Ende mit der eigenen Liebe nicht stärker zu sein als die Dämonen einer Krankheit, ist vielleicht das Schlimmste daran. Es ist dieses Ausgeliefertsein, was auch erklärt, warum so viele Angehörige psychisch Kranker an – fast immer unberechtigten – Schuldgefühlen leiden. Auf Dauer kann das die Angehörigen sogar selbst psychisch krank machen.

Habe ich nicht genug getan? Hätte ich meinen depressiven Freund nicht alleine lassen dürfen? Hätte ich meine schizophrene Mutter gegen ihren Willen in eine psychiatrische Klinik einweisen lassen sollen? Hätte ich meinem alkoholkranken Sohn verbieten müssen, auf die Party zu gehen? Es sind solche Fragen, die Verwandte, Partner, Freunde quälen, wenn eine seelische Erkrankung ihre Liebsten innerlich zerreißt.

Daniel Kinser* kennt das. Seine Freundin Inga Reimann* leidet an einer Depression, hat zudem eine soziale Phobie. Depressiv ist sie schon seit zehn Jahren, länger als die beiden ein Paar sind. Kinser hat über die Jahre feine Antennen dafür entwickelt, wann die Stimmung seiner Freundin langsam kippt; wie sich eine Leere in ihrem Gesicht breit macht und sie plötzlich anfängt zu weinen. Seit sieben Jahren ist Kinser auch in solchen Momenten an ihrer Seite.

Ist das eine Krankheit?

"Anfangs war mir gar nicht bewusst, dass Inga unter einer Krankheit leidet", sagt Kinser. "Damals dachte ich einfach, sie sei eben ein sehr emotionaler Mensch." Heute weiß er, warum seine Freundin manchmal ohne äußerlich sichtbaren Grund in tiefe Lethargie und Traurigkeit verfällt. Vieles, was andere können, macht ihr die Krankheit unmöglich. Auch er lebt jetzt damit. Er hat sich angepasst. 

Nicht selten gehen Erkrankungen der Seele mit starken Persönlichkeitsveränderungen einher. Der Mensch, den man glaubte zu kennen, verhält sich plötzlich unberechenbar, verletzend und reagiert scheinbar unangemessen emotional.

Schizophrene etwa fühlen sich zum Teil von ihren eigenen Kindern, Eltern oder Geschwistern verfolgt und entwickeln aus Angst Aggressionen gegen sie, ohne dass die Außenstehenden sich das erklären können.

Wer mit einem depressiven Menschen zusammenlebt, muss immer wieder erleben, wie jegliche Form der Aufmunterung oder Ablenkung wirkungslos abprallt. Und Partner und Freunde von Süchtigen werden häufig in ihrer Hoffnung enttäuscht, der Betroffene könne – vielleicht ihnen zu Liebe – einfach aufhören zu trinken, Tabletten zu nehmen, Heroin zu spritzen. Das Verlangen Suchtkranker nach der Droge ist meist aber so stark, dass sie ihre engsten Vertrauten täuschen, um an ihren Stoff zu kommen.

Andere fragen: Warum tust du denn nichts?

Angesichts der alltäglichen Probleme, die eine psychische Erkrankung für den Betroffenen mit sich bringt, werden Angehörige nahezu zwangsläufig zu Ersthelfern im Krisenfall. Sie erledigen die Aufgaben im Haushalt mit, gleichen aus, was der Erkrankte nicht mehr schafft, und nicht selten finden sie sich irgendwann in einer Situation wieder, in der sie den kompletten Lebensunterhalt für ihren Partner oder Verwandten mit bestreiten müssen. Zieht sich der Erkrankte aus der Außenwelt zurück, hat auch das Folgen für Angehörige. Gäste kommen selber, man geht weniger aus und vereinsamt im schlimmsten Fall gemeinsam.

Seelische Leiden werden oft unterschätzt. Klicken Sie auf das Bild, um zur Artikel-Serie "Psychisch krank" zu gelangen.

Zu oft wird vergessen, dass Partner, Eltern, Kinder nicht einfach nur bedingungslos helfen können, sondern selbst Hilfe benötigen. Viele sind auch noch Vorwürfen von Außenstehenden ausgesetzt, wenn sie – gelähmt von der scheinbar aussichtslosen Situation – nicht die Kraft finden, den Erkrankten zu unterstützen oder gegen dessen Willen Hilfe zu organisieren.

Ein Leben mit einer seelischen Erkrankung in der Familie ist eine große Belastung für alle. "Die Angehörigen sind immer mitbetroffen", sagt Karl Heinz Möhrmann, stellvertretender Vorsitzender des Bundesverbandes der Angehörigen psychisch Kranker (BApK), "zwei von drei Angehörigen chronisch psychisch kranker Menschen drohen langfristig selbst zu erkranken". Oft zeigt sich der seelische Stress als erstes körperlich. Angehörige klagen zum Beispiel über Kopfschmerzen, Schlafstörungen und Magenbeschwerden. 

Je größer die Liebe, desto stärker die Schuldgefühle

Auch Daniel Kinser fühlte sich anfangs schuldig, wenn seine Freundin die Melancholie übermannte. Er dachte, etwas falsch gemacht zu haben. Wie sonst ließen sich ihre plötzlichen Stimmungswechsel erklären? "Die Entlastung von der Schuldfrage war eine große Hilfe", sagt Kinser. Geholfen habe ihm der Einblick in die psychotherapeutische Behandlung von Inga. "Erst dann wurde mir klar: Das ist eine Krankheit, nicht ich selbst habe diese verursacht."

Wenn sich wieder eine depressive Krise bei Inga anbahnt, dann fühlt sich das an, als wenn ein schwarzer Hund unter dem Sofa lauert. Er ist nicht zu sehen, aber sein abscheulicher Geruch liegt deutlich in der Luft. Und dann geht es los. Die Krankheit kommt zurück. Diese Metapher, mit der auch der berühmte britische Premier Winston Churchill seine Depression beschrieb, hat Kinser und seiner Freundin geholfen, greifbar zu machen, was mit ihnen in solchen Momenten passiert.

Den schwarzen Hund bändigen

Den schwarzen Hund erklärte das Paar zum gemeinsamen Gegner. Ihn gilt es an die Leine zu legen, wie es auch der Zeichner und Autor Matthew Johnstone in seinen illustrierten Büchern empfiehlt. Die Schilderungen in dessen Werk Mit dem schwarzen Hund leben sind für Daniel Kinser und Inga Reimann ein guter Gesprächsanlass, um humorvoll über wahrhaft Schwieriges reden zu können. 

Dennoch bleibt die Krankheit eine stetige Herausforderung. "Als Angehöriger steht man in einer schwierigen Situation, man ist weder krank noch Therapeut", sagt Kinser. "Am Anfang habe ich nicht recht verstanden, dass auch ich sehr wichtig für den Heilerfolg bin. Ich dachte, die Psychotherapeuten wissen schon, was sie tun."

Um die Krankheit bekämpfen zu können, sollte auch der gesunde Partner in die Behandlung einbezogen sein, über Medikamente Bescheid wissen und Einblicke in den Ablauf einer Therapiesitzung bekommen. "Das fördert Verständnis auf beiden Seiten", sagt Karl Heinz Möhrmann vom Angehörigenverband. "Außerdem ist das ein guter Moment herauszufinden, ob der Partner selbst auch Unterstützung braucht." In Gesprächen können auch eigene Verhaltensweisen Thema sein, die die Krankheit des geliebten Menschen vielleicht sogar unfreiwillig fördern.   

Trotz all der Nähe zum Partner hat man das Leben des anderen natürlich nicht in der Hand. Der schwarze Hund sollte nicht zum Mittelpunkt der Beziehung werden. Gerade weil auch der gesunde Partner stets unter einem gewissen psychischen Druck steht, darf er sein eigenes Leben nicht außer Acht lassen. "Für mich war es sehr wichtig, weiterhin engen Kontakt zu Freunden und Kollegen zu halten", sagt Kinser. "Das ist oft gar nicht so einfach, denn das schwarze Loch einer Depression greift schnell um sich, es hat auch meinen optimistischen Blick auf die Welt verändert."

Einen gesunden Egoismus entwickeln

Teilweise war Kinser so weit, dass er sich bei der Arbeit besser entspannen konnte als zu Hause: "Ich war wie in einer verkehrten Welt, es gab keine Erholungspausen mehr in meinem Leben." In solchen Situationen muss man sich durchsetzen, selbst wenn der kranke Partner kein Verständnis dafür hat, dass man auch mal Zeit für sich braucht, rät Möhrmann. "Wenn man selbst keine Kraft mehr hat, kann man auch dem Partner nicht mehr helfen." Dabei sollte man versuchen, dem Partner klar zu machen, dass man dennoch für ihn da ist.

Auch der Alltag muss neu strukturiert werden. "Ich wusste irgendwann gar nicht mehr, was wir noch miteinander machen sollten", sagt Kinser. "Sie war stets am Weinen, an gemeinsames Ausgehen oder Freunde treffen war kaum noch zu denken." Das war der Punkt, an dem Kinser bemerkte, dass er nicht der einzige sein kann, der Bescheid weiß, wichtige Bekannte mussten eingeweiht werden. Das erleichterte die Situation: "Ich habe nie erlebt, dass die Wahrheit negativ aufgenommen wurde. Ganz im Gegenteil, nur so war es möglich, wieder ganz normal zusammen zu sitzen, ohne dass Inga sich verstellen oder zusammenreißen musste."

Was ist die Krankheit, was der Charakter?

Für den Umgang miteinander ist es zudem wichtig, den Erkrankten nicht mit gut gemeinten Ratschlägen zu überfordern und Geduld zu haben, auch wenn es schwerfällt. Streit ist ganz normal, Auseinandersetzungen gibt es in jeder Beziehung. Wichtig ist es, zwischen der Person des anderen und der psychischen Krankheit zu unterscheiden. "Schwierig war für mich meine Wut auf die Krankheit zu unterdrücken, sie nicht auf Inga zu projizieren. Ich hätte so oft schreien können vor Verzweiflung darüber", sagt Kinser. Diesen Spagat zu meistern, ist eine harte Probe für jede Beziehung. "Vor allem lange Gespräche über die Krankheit und über gemeinsame Ängste helfen dabei."

*Namen von der Redaktion geändert