Auch Daniel Kinser fühlte sich anfangs schuldig, wenn seine Freundin die Melancholie übermannte. Er dachte, etwas falsch gemacht zu haben. Wie sonst ließen sich ihre plötzlichen Stimmungswechsel erklären? "Die Entlastung von der Schuldfrage war eine große Hilfe", sagt Kinser. Geholfen habe ihm der Einblick in die psychotherapeutische Behandlung von Inga. "Erst dann wurde mir klar: Das ist eine Krankheit, nicht ich selbst habe diese verursacht."

Wenn sich wieder eine depressive Krise bei Inga anbahnt, dann fühlt sich das an, als wenn ein schwarzer Hund unter dem Sofa lauert. Er ist nicht zu sehen, aber sein abscheulicher Geruch liegt deutlich in der Luft. Und dann geht es los. Die Krankheit kommt zurück. Diese Metapher, mit der auch der berühmte britische Premier Winston Churchill seine Depression beschrieb, hat Kinser und seiner Freundin geholfen, greifbar zu machen, was mit ihnen in solchen Momenten passiert.

Den schwarzen Hund bändigen

Den schwarzen Hund erklärte das Paar zum gemeinsamen Gegner. Ihn gilt es an die Leine zu legen, wie es auch der Zeichner und Autor Matthew Johnstone in seinen illustrierten Büchern empfiehlt. Die Schilderungen in dessen Werk Mit dem schwarzen Hund leben sind für Daniel Kinser und Inga Reimann ein guter Gesprächsanlass, um humorvoll über wahrhaft Schwieriges reden zu können. 

Dennoch bleibt die Krankheit eine stetige Herausforderung. "Als Angehöriger steht man in einer schwierigen Situation, man ist weder krank noch Therapeut", sagt Kinser. "Am Anfang habe ich nicht recht verstanden, dass auch ich sehr wichtig für den Heilerfolg bin. Ich dachte, die Psychotherapeuten wissen schon, was sie tun."

Um die Krankheit bekämpfen zu können, sollte auch der gesunde Partner in die Behandlung einbezogen sein, über Medikamente Bescheid wissen und Einblicke in den Ablauf einer Therapiesitzung bekommen. "Das fördert Verständnis auf beiden Seiten", sagt Karl Heinz Möhrmann vom Angehörigenverband. "Außerdem ist das ein guter Moment herauszufinden, ob der Partner selbst auch Unterstützung braucht." In Gesprächen können auch eigene Verhaltensweisen Thema sein, die die Krankheit des geliebten Menschen vielleicht sogar unfreiwillig fördern.   

Trotz all der Nähe zum Partner hat man das Leben des anderen natürlich nicht in der Hand. Der schwarze Hund sollte nicht zum Mittelpunkt der Beziehung werden. Gerade weil auch der gesunde Partner stets unter einem gewissen psychischen Druck steht, darf er sein eigenes Leben nicht außer Acht lassen. "Für mich war es sehr wichtig, weiterhin engen Kontakt zu Freunden und Kollegen zu halten", sagt Kinser. "Das ist oft gar nicht so einfach, denn das schwarze Loch einer Depression greift schnell um sich, es hat auch meinen optimistischen Blick auf die Welt verändert."

Einen gesunden Egoismus entwickeln

Teilweise war Kinser so weit, dass er sich bei der Arbeit besser entspannen konnte als zu Hause: "Ich war wie in einer verkehrten Welt, es gab keine Erholungspausen mehr in meinem Leben." In solchen Situationen muss man sich durchsetzen, selbst wenn der kranke Partner kein Verständnis dafür hat, dass man auch mal Zeit für sich braucht, rät Möhrmann. "Wenn man selbst keine Kraft mehr hat, kann man auch dem Partner nicht mehr helfen." Dabei sollte man versuchen, dem Partner klar zu machen, dass man dennoch für ihn da ist.

Auch der Alltag muss neu strukturiert werden. "Ich wusste irgendwann gar nicht mehr, was wir noch miteinander machen sollten", sagt Kinser. "Sie war stets am Weinen, an gemeinsames Ausgehen oder Freunde treffen war kaum noch zu denken." Das war der Punkt, an dem Kinser bemerkte, dass er nicht der einzige sein kann, der Bescheid weiß, wichtige Bekannte mussten eingeweiht werden. Das erleichterte die Situation: "Ich habe nie erlebt, dass die Wahrheit negativ aufgenommen wurde. Ganz im Gegenteil, nur so war es möglich, wieder ganz normal zusammen zu sitzen, ohne dass Inga sich verstellen oder zusammenreißen musste."

Was ist die Krankheit, was der Charakter?

Für den Umgang miteinander ist es zudem wichtig, den Erkrankten nicht mit gut gemeinten Ratschlägen zu überfordern und Geduld zu haben, auch wenn es schwerfällt. Streit ist ganz normal, Auseinandersetzungen gibt es in jeder Beziehung. Wichtig ist es, zwischen der Person des anderen und der psychischen Krankheit zu unterscheiden. "Schwierig war für mich meine Wut auf die Krankheit zu unterdrücken, sie nicht auf Inga zu projizieren. Ich hätte so oft schreien können vor Verzweiflung darüber", sagt Kinser. Diesen Spagat zu meistern, ist eine harte Probe für jede Beziehung. "Vor allem lange Gespräche über die Krankheit und über gemeinsame Ängste helfen dabei."

*Namen von der Redaktion geändert