ZEIT ONLINE: Herr Uter, Sie haben das allergologische Gutachten verfasst, auf dessen Basis die EU-Kommission nun über mögliche Verbote beraten soll. Der Termin für einen Regelungsvorschlag ist seit März mehrmals verschoben worden. Wie lang wird das noch dauern?

Wolfgang Uter: Es wird sicherlich eher noch Jahre als Monate dauern, bis es zu einer Gesetzesvorlage kommt. Es findet zurzeit intensive Lobbyarbeit auf EU-Ebene und auch nationaler Ebene statt, mit dem Ziel, zu verdeutlichen, dass unser Gutachten Quatsch sei und die Industrie selbst viel besser bewerten könne, was die wichtigen Allergene und welches die zu ergreifenden Maßnahmen sind.

ZEIT ONLINE: Hat die Parfumindustrie nicht in den vergangenen 20 Jahren viele alte Formeln modernisiert, um Verbraucher vor Allergenen zu schützen?

Uter: Sicherlich, da ist einiges passiert, und durchaus auch auf Initiative der Industrie selbst. Der Internationale Dachverband der Parfumindustrie Ifra hat aufgrund von Kontaktallergien Vorgaben entwickelt, bis zu welcher Konzentration ein bestimmter Stoff in bestimmten Produkten vorkommen sollte. Das Problem ist nur, dass die Schwellenwerte zum Teil viel zu hoch sind. Und sie sind nicht verbindlich. Eine Mitgliedsfirma der Ifra kann, muss sich aber nicht daran halten.

ZEIT ONLINE: Von Ihren Gegnern hört man oft das Argument, man habe mehr Orangenöl an den Händen, wenn man eine Orange pellt, als es nach der EU-Richtlinie zulässig wäre. Müsste Orangenschälen dann auch verboten werden?

Uter: Das mit den Orangen ist ein schiefer Vergleich. Die Terpene, also Limonen und Linalool, die beim Schälen aus den kleinen Drüsen freigesetzt werden, hat man zwar an den Händen. Aber die werden nach kürzerer Zeit gewaschen oder fassen etwas anderes an. Das heißt, es ist ein relativ flüchtiger Kontakt. Außerdem sind diese Substanzen im frischen Zustand eigentlich keine Allergene. Erst wenn sie eine Weile an der Luft oxidieren, werden sie zu Allergenen. Und das passiert eben auch, wenn man ein Deo geöffnet stehen hat.

ZEIT ONLINE: Sind Allergien ein Phänomen der entwickelten Welt, also zynisch gesagt, ein Wohlstandsproblem?

Uter: Ein bisschen schon. Die Vielzahl der Stoffe und Produkte nimmt ja mit dem Entwicklungsgrad der Gesellschaft zu. Aber Kontaktallergien an sich sind kein Problem der zivilisierten Welt, was man schon allein daran erkennen kann, dass sie sich auch gegen viele Naturstoffe richten. Holzfäller werden gegen Eichenmoos allergisch, wenn sie intensiven Hautkontakt damit haben. Viele Amerikaner sind gegen das Giftefeu allergisch, das dort in den Wäldern wächst. Im Gegensatz zu solchen Kontaktallergien hängen Heuschnupfen und Asthma stark mit dem gesellschaftlichen Entwicklungsgrad zusammen.

ZEIT ONLINE: Laut Ihrer Studie sind etwa zwei Prozent der EU-Bevölkerung von Parfum-Kontaktallergien betroffen. Rechtfertigt das den Aufwand?

Uter: Das ist eine einseitige Perspektive. Die Menschen mit einem lästigen Hautausschlag, deren Lebensqualität Monate und Jahre beeinträchtigt ist, würden das anders sehen. 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung haben irgendeine Art der Kontaktallergie, ein Teil davon ist auf Duftstoffe zurückzuführen. Wenn Sie bedenken, wie groß die EU ist, kommt man auf Millionen von Menschen, die eine Allergie haben. Das kann man nicht ignorieren, auch wenn man Verbraucherschutz nicht ganz so hoch bewertet.