Edith Stein erinnert sich an zwei prägende Situationen in ihrer Kindheit: "Ich weiß noch ganz genau, wie ich mich als Zweijährige aus Versehen in unserer Gästetoilette eingesperrt habe. Ich hatte am Schlüssel gespielt, ohne zu wissen, wozu er dient. In dem kleinen Raum war es dunkel und ich fühlte mich schrecklich alleine und hilflos. Es schien eine Ewigkeit zu dauern, bis mein Bruder mich hörte und befreite", erzählt sie. "Eigentlich eine Lappalie, aber sie scheint mich sehr geprägt zu haben."

Und dann war da der Tag, als ihre Mutter sie im Kaufhaus aus den Augen verlor: "Das waren wahnsinnige Emotionen, ich hatte solche Angst, für immer verloren zu sein. Dieser Moment hat in mir existenzielle Ängste ausgelöst, war das Ende der Welt." Das Unterbewusstsein speicherte dieses Gefühl. In Extremsituationen überfiel es sie als Jugendliche und junge Frau plötzlich wieder. Dann war sie da: die Panik von damals.

Oft hilft die Flucht nach vorne

Um die stärksten Symptome zu lindern, geben Psychiater Angstpatienten auch Medikamente. Doch an der Wurzel packen lässt sich das Problem nur mit einer Verhaltenstherapie. Der Kern dabei ist die Konfrontation. Auszuhalten und durchzustehen, was die größte Angst macht, ist der Weg aus dem Teufelskreis. Während der Körper sein Feuerwerk aus Symptomen abschießt, stehen die Therapeuten den Patienten bei und ermutigen sie, kontrolliert in der angstauslösenden Situation zu bleiben. Schafft der Betroffene es, sich zu beruhigen anstatt sich zu entziehen, lernt er: Es passiert nichts. Die Angst ist ungefährlich. "80 Prozent der Patienten geht es danach spürbar besser", sagt Bischoff.

Anfang des Jahres 2013 begann Edith Stein ihre Therapie, nach 26 Jahren mit Angst und Panik. Eigentlich hatte sie schon keine Hoffnung mehr, dass ihr noch irgendjemand oder irgendetwas helfen könne: "Ich habe so viele Bücher gelesen und sogar Hypnose ausprobiert. Ich hätte jedem genau erzählen können, was man tun muss, dass man nicht vermeiden darf. Aber umsetzen konnte ich es nicht." Dieses Dilemma ist typisch. Viele Angstgestörte haben ihre Erkrankung längst rational verstanden. Doch im Moment der Angst lässt sich die Vernunft nicht abrufen.

Außenstehende können sich die Symptomatik ansatzweise so vorstellen: Sie stehen auf einem Zehnmeterbrett im Schwimmbad, wollen springen. Aber es geht nicht. Die Angst ist zu groß, Ihre Knie zittern, der Blick nach unten lässt Sie taumeln. Sie müssen im letzten Moment den Rückzug antreten und die Leiter runterkrakseln. Bei dem Gedanken an eine erneute Niederlage klettern Sie von da an lieber gar nicht mehr auf Sprungtürme.

Dieses Gefühl hält leider auch viele davon ab, sich frühzeitig Hilfe zu suchen. Sie schließen lieber einen – recht einseitigen – Vertrag mit ihrer Angst. "Solange ich dies und jenes vermeide, kommst du auch nicht wieder", denken sie. Fliegen, Fahrstuhlfahren, im Meer schwimmen, im Auto hinten sitzen – auf den ersten Blick sind das Kleinigkeit, die sich ohne größere Opfer meiden lassen. Erst später zeigt sich dann, wie der Lebensradius zusehends kleiner wird. Berufstätige, die für den Job Reisen müssen, kann eine Flugangst sogar berufsunfähig machen.

Irgendwann wird die Angst zur Fessel: "Manche können ihr Haus nicht mehr verlassen oder es nur noch in Begleitung zu Hause aushalten", erklärt Bischoff. Den Punkt, wann die Angst zu viel Freiheit raubt, müsse aber jeder für sich bestimmen. "Wichtig ist, dass in der Therapie niemand zu etwas gezwungen wird", sagt die Psychologin.