Ekel vor dem eigenen Körper

"Lieber sterbe ich schön, als dass ich nochmal dick werde", sagt Amanda Kobler. Mit 18 wog sie mehr als 90 Kilogramm, heute maximal 55. "Mehr geht auf keinen Fall, ich sehe dann mein aufgequollenes Gesicht im Spiegel und verabscheue mich selbst."

Zuerst versuchte Kobler es mit einer Diät, doch dann zeigte eine Freundin ihr den Trick, wie man besonders schnell abnehmen könne: Erst essen, dann brechen. Damit begann der Weg in die Bulimie. "Unser Alltag hat über Monate nur aus Fressen und Kotzen bestanden", sagt Kobler. Auch heute noch, fast zwanzig Jahre später, ist die Bulimie ihr treuer Begleiter. Das Paradoxe: Die Krankheit, die sie körperlich immer weiter zerstört, gibt ihr gleichzeitig Kraft. Sie ist für Kobler nach mehr als fünf Suizidversuchen und vielen Tagen auf der Intensivstation der einzige Weg, sich am Leben zu erhalten, sie gibt ihrem Leben manchmal überhaupt einen Sinn.

Lange Krankheitsgeschichten und der stetige unterbewusste Kampf gegen das eigene Selbst sind typisch für das Krankheitsbild Bulimie. "Immer mehr  Menschen zerbrechen an den Herausforderungen des Alltags. Sie sind überfordert", sagt Harriet Salbach-Andrae, Psychologische Psychotherapeutin in Berlin. "Um vor diesem zu fliehen und wieder Stabilität zu erlangen, flüchten sich immer mehr Frauen in eine Essstörung." Ein bis vier Prozent der Bevölkerung haben Bulimie, vor allem Mädchen und junge Frauen.

Die meisten Betroffenen sind normalgewichtig, fallen nach außen hin gar nicht auf. Ein Body-Mass-Index von mehr als 17,5 ist ein wichtiger Abgrenzungspunkt zur Magersucht. Kennzeichnend für Bulimie sind Essattacken und anschließendes Erbrechen mindestens zweimal pro Woche, die Einnahme von Abführmitteln oder übermäßiger Sport gegen die gefürchtete Gewichtszunahme – all das über einen Zeitraum von mehr als einem halben Jahr. Zwischen den Attacken ist das Essverhalten hingegen oft normal.

Es lockt der Griff zu Wassertabletten

"Zu einer Essattacke kommt es meist plötzlich, eigentlich wollten die Betroffenen nur ein wenig essen, gegen den Hunger", sagt Salbach-Andrae. Doch das schaukelt sich schnell hoch: Erst etwas Salat, dann ein belegtes Brot, dann noch eine warme Mahlzeit – Hals über Kopf ist der Essanfall bis zum Übergeben programmiert.

Reicht das Erbrechen nicht mehr aus, um das Gewicht zu halten, lockt der Griff zu Medikamenten. "Ich habe versucht, mit Hilfe von Schilddrüsenmedikamenten und Wassertabletten noch weiter abzunehmen", sagt Kobler. Das hat damals zwar gut funktioniert, auf die Dauer aber ihre Schilddrüse und die Nieren zerstört.

Mit 36 Jahren ist Amanda Kobler heute frühberentet: Der Hauptgrund dafür ist neben der kranken Seele ihre Lunge. Diese ist von der Säure beim Erbrechen chronisch entzündet, sodass Kobler schon bei leichten Belastungen Atemnot bekommt. Sie hat heute neben den psychischen auch viele körperliche Diagnosen: verengte Speiseröhre, Sodbrennen, Magenentzündung und Polypen im Darm.

Grund für die Selbstzerstörung ist meist ein gestörtes Selbstwertgefühl. Viele Patienten mit Bulimie leiden zusätzlich unter Depressionen, Borderline Persönlichkeits- und Angststörungen. Auch Amanda Kobler: Zu Hause wurde sie von ihrem Vater geschlagen, ihre Mutter litt selbst unter Bulimie, Kobler hatte nie gelernt, Liebe zu geben, geschweige denn, diese zu bekommen.

Der einzige Weg, um sich Anerkennung zu erkämpfen, war gleichzeitig der Kampf gegen das Gewicht. Damit war der Grundstein für ihre Essstörung gesetzt. Nicht nur Koblers Vater verabscheute dicke Frauen, auch im Beruf als Zahnarzthelferin erfuhr sie Diskriminierung: "Ich durfte nicht mehr im direkten Kontakt mit Patienten arbeiten, sondern musste in ein Hinterkämmerchen. Ich passe ästhetisch nicht in die Praxis, haben sie mir gesagt."

In einer anderen Praxis, in der sie sich, mittlerweile bulimisch, mit 20 als nun schlanke junge Frau bewarb, fand sie hingegen sofort eine Stelle und Anerkennung: "Hier hatte ich das trügerische Gefühl, wegen meiner guten Figur endlich als Person wahrgenommen zu werden, und jemand zu sein." Denn die Zahnärztin begrüßte sie gleich mit den Worten: "Optisch passen Sie hervorragend in mein Team." Das war ein zusätzlicher Ansporn für Kobler.

*Name von der Redaktion geändert

"Das Gefährliche ist, dass meist keiner die Bulimie bemerkt"

"Das Gefährliche an der Bulimie ist, dass meist keiner etwas davon bemerkt", sagt Salbach-Andrae. Die Krankheit entwickelt sich im Verborgenen und kann immer mehr Raum für sich gewinnen, bis oft erst der Zahnarzt die Diagnose vermutet, weil er vermehrt Karies an den durch die Magensäure angegriffenen Zähnen findet. "Je chronischer die Krankheit ist, umso schwieriger ist sie zu behandeln".

Mittlerweile muss ich mich nur noch maximal zweimal pro Jahr übergeben.
Amanda Kobler, Bulimie-Patientin

In derartigen Situationen ist es wichtig, Hilfe aufzusuchen. "Wenn möglich, sollten sich die Betroffenen direkt an Einrichtungen wenden, die auf die Behandlung von essgestörten Patienten spezialisiert sind, sodass die dortigen Ärzte und Psychologen sich bereits mit dem Krankheitsbild auskennen", sagt Salbach-Andrae.

Zur Therapie eignet sich vor allem eine Psychotherapie. "Die Verhaltenstherapie ist die erste Wahl", sagt die Berliner Psychologin. Sie soll helfen, die Muster zu durchbrechen und die Scham über das eigene Versagen und den Kontrollverlust zu bekämpfen. Für andere kann eine tiefenpsychologische Therapie das Richtige sein, um das häufig schlechte Selbstwertgefühl, kindliche Verlusterfahrungen oder Angst zu behandeln. "Gibt man zusätzlich Antidepressiva in einer weit höheren Dosierung als bei depressiven Patienten, kann dies zusätzlich die Stärke und Häufigkeit der Essanfälle reduzieren."

Kobler hat sich mit der Bulimie arrangiert

Doch nicht nur die Psyche ist Schuld, auch das Essverhalten selbst: Essen die Betroffenen den ganzen Tag über kaum etwas, führt das zu Unterzuckerung. Und die wiederum ganz natürlich zu Heißhunger. "Um dem aus dem Weg zu gehen, ist eine ausgewogene Ernährung mit morgendlichem Frühstück wichtig, auch wenn die Angst zuzunehmen groß ist", erklärt die Berliner Psychologin.

Amanda Kobler ist stolz: "Mittlerweile muss ich mich nur noch maximal zweimal pro Jahr übergeben", sagt sie, räumt aber ein, dass sie weiterhin jeden Tag Abführmittel nehme und andere Tabletten, die die Verdauung von Fetten verhindern. Die 36-Jährige hat sich weitgehend mit der Bulimie arrangiert – die körperlichen Schäden versucht sie zu verdrängen.

Sie weiß, dass sie sich seit Jahren unnötig quält. Auf Hilfeseiten und in Internetforen klärt sie deshalb Jugendliche auf. "Liebt euch so wie ihr seid, jeder ist liebenswert!", sagt sie etwa und rät: "Solange die Krankheit noch frisch ist, sollten die jungen Frauen sofort mit ihren Eltern oder Freunden sprechen." Dann sei es noch nicht zu spät, um sich abzulenken mit Spaziergängen, Gesprächen oder Theater und Musik.

Kobler hat dafür das Saxophon gewählt – sie spiele "leidenschaftlich gern". Ihre kranke Lunge hält das kaum noch aus, meist muss sie nach wenigen Minuten aufgeben. Den Kampfgeist hat die junge Frau dennoch nicht verloren. Kommendes Jahr möchte sie ihr Abitur nachholen und dann studieren: "Wenn man schon so lange krank ist, hilft nur, immer ein Ziel am fernen Horizont vor Augen zu haben."