"Das Gefährliche an der Bulimie ist, dass meist keiner etwas davon bemerkt", sagt Salbach-Andrae. Die Krankheit entwickelt sich im Verborgenen und kann immer mehr Raum für sich gewinnen, bis oft erst der Zahnarzt die Diagnose vermutet, weil er vermehrt Karies an den durch die Magensäure angegriffenen Zähnen findet. "Je chronischer die Krankheit ist, umso schwieriger ist sie zu behandeln".

Mittlerweile muss ich mich nur noch maximal zweimal pro Jahr übergeben.
Amanda Kobler, Bulimie-Patientin

In derartigen Situationen ist es wichtig, Hilfe aufzusuchen. "Wenn möglich, sollten sich die Betroffenen direkt an Einrichtungen wenden, die auf die Behandlung von essgestörten Patienten spezialisiert sind, sodass die dortigen Ärzte und Psychologen sich bereits mit dem Krankheitsbild auskennen", sagt Salbach-Andrae.

Zur Therapie eignet sich vor allem eine Psychotherapie. "Die Verhaltenstherapie ist die erste Wahl", sagt die Berliner Psychologin. Sie soll helfen, die Muster zu durchbrechen und die Scham über das eigene Versagen und den Kontrollverlust zu bekämpfen. Für andere kann eine tiefenpsychologische Therapie das Richtige sein, um das häufig schlechte Selbstwertgefühl, kindliche Verlusterfahrungen oder Angst zu behandeln. "Gibt man zusätzlich Antidepressiva in einer weit höheren Dosierung als bei depressiven Patienten, kann dies zusätzlich die Stärke und Häufigkeit der Essanfälle reduzieren."

Kobler hat sich mit der Bulimie arrangiert

Doch nicht nur die Psyche ist Schuld, auch das Essverhalten selbst: Essen die Betroffenen den ganzen Tag über kaum etwas, führt das zu Unterzuckerung. Und die wiederum ganz natürlich zu Heißhunger. "Um dem aus dem Weg zu gehen, ist eine ausgewogene Ernährung mit morgendlichem Frühstück wichtig, auch wenn die Angst zuzunehmen groß ist", erklärt die Berliner Psychologin.

Amanda Kobler ist stolz: "Mittlerweile muss ich mich nur noch maximal zweimal pro Jahr übergeben", sagt sie, räumt aber ein, dass sie weiterhin jeden Tag Abführmittel nehme und andere Tabletten, die die Verdauung von Fetten verhindern. Die 36-Jährige hat sich weitgehend mit der Bulimie arrangiert – die körperlichen Schäden versucht sie zu verdrängen.

Sie weiß, dass sie sich seit Jahren unnötig quält. Auf Hilfeseiten und in Internetforen klärt sie deshalb Jugendliche auf. "Liebt euch so wie ihr seid, jeder ist liebenswert!", sagt sie etwa und rät: "Solange die Krankheit noch frisch ist, sollten die jungen Frauen sofort mit ihren Eltern oder Freunden sprechen." Dann sei es noch nicht zu spät, um sich abzulenken mit Spaziergängen, Gesprächen oder Theater und Musik.

Kobler hat dafür das Saxophon gewählt – sie spiele "leidenschaftlich gern". Ihre kranke Lunge hält das kaum noch aus, meist muss sie nach wenigen Minuten aufgeben. Den Kampfgeist hat die junge Frau dennoch nicht verloren. Kommendes Jahr möchte sie ihr Abitur nachholen und dann studieren: "Wenn man schon so lange krank ist, hilft nur, immer ein Ziel am fernen Horizont vor Augen zu haben."