An einem Sonntagmorgen gegen halb vier in Leipzig. Ein befreundeter Medizinstudent und ich sind gerade auf dem Heimweg. Ungefähr 100 Meter vor uns hält ein Polizeiwagen an einem Straßencafé. Die Polizisten unterhalten sich mit einigen Gästen und fahren dann weiter. Als wir das Straßencafé erreichen, bietet sich uns folgende Szene: Eine junge Frau sitzt auf einem der Stühle, die Beine auf einem weiteren Stuhl. Eine zweite Frau beatmet die Sitzende von Mund zu Mund.

Wir stellen uns als ausgebildete Ersthelfer vor und ergreifen die Initiative. Mein Kumpel versucht, die bewusstlose Frau aufzuwecken. Weil dies nicht gelingt, legen wir sie auf den Boden. Beim Überstrecken des Kopfes atmet sie normal und wir legen sie in die stabile Seitenlage. Kaum ist sie in dieser Position, hört sie auf zu atmen und wir drehen sie umgehend wieder auf den Rücken. Durch einen Handgriff, der ihre Atemwege frei hält, sorgt mein Freund dafür, dass sie ungehindert weiteratmen kann.

Ich wähle die 112, melde, dass wir eine bewusstlose Frau gefunden haben und nenne den genauen Ort. "Haben Sie getrunken?", fragt der Mitarbeiter der Rettungsstelle. "Nein, habe ich nicht." "Okay, bleiben Sie ruhig, wir schicken einen Rettungswagen."

Während wir warten, bleibt die junge Frau bewusstlos. Immer wieder setzt ihre Atmung kurzzeitig aus. Mein Freund schaut sich ihre Pupillen an. Sie sind, trotz völliger Dunkelheit, so groß wie Stecknadelköpfe und reagieren absolut nicht auf Lichtreize. Wir sprechen die zweite Frau darauf an und es stellt sich heraus, dass die Bewusstlose abhängig von GBL ist, das auch als Liquid Ecstasy bekannt ist. Ob sie auch an diesem Abend etwas davon eingenommen hat, weiß ihre Begleiterin allerdings nicht.

Kein Notarzt kommt

Als der Rettungsdienst eintrifft, ist kein Notarzt dabei. Dazu muss man wissen, dass Rettungsleitstellen anhand einiger Schlüsselwörter entscheiden, ob für einen Einsatz ein Notarzt benötigt wird oder nicht. "Bewusstlosigkeit" ist definitiv so ein Wort.

Die beiden Rettungsassistenten fragen, was los ist. Mein Kumpel setzt zu einer lehrbuchmäßigen Übergabe an: "21-jährige Frau, bewusstlos, atmet nur mit Unterstützung. Pupillen lichtstarr, klein und rund. Puls vorhanden. Sie ist abhängig von GBL." Noch bevor er fertig ist, fordert der erste Rettungsassistent seinen Kollegen dazu auf, die Trage zu holen und den Notarzt nachzufordern.

Als wir helfen wollen, die junge Frau mit in den Rettungswagen zu laden, blafft man uns an: "Lassen Sie uns mal bitte unsere Arbeit machen!" Trotzdem bleiben wir vor Ort, auch um den Notarzt in Empfang zu nehmen. Nach ungefähr fünf Minuten öffnet einer der Rettungsassistenten das Seitenfenster und fragt: "Hat sie was genommen?" Daraufhin wiederholt mein Freund noch einmal die Details seiner Übergabe. Anschließend teilt uns der Rettungsassistent mit, dass die Sauerstoffsättigung im Blut der jungen Frau in Ordnung sei und man jetzt ohne Notarzt in die Klinik fahren werde.

Ich möchte hier noch einmal zusammenfassen, was in dieser Nacht eindeutig falsch gelaufen ist: Die Polizei fährt weiter, obwohl die junge Frau eindeutig in einer lebensbedrohlichen Situation ist. Der Mitarbeiter der Rettungsleitstelle verdächtigt den anrufenden Ersthelfer des Alkoholkonsums und schickt keinen Notarzt zum Einsatz, obwohl er eindeutig erforderlich ist. Die eintreffenden Rettungskräfte scheinen sich zu überschätzen.

Diese Geschichte soll keineswegs eine Anklage sein. In der Vergangenheit habe ich schon sehr gute Erfahrungen mit dem Rettungssystem in Deutschland gemacht, und ich bin froh, in einem Land zu leben, in dem die Notfallmedizin so gut ausgebaut ist. Sicher gehen bei Rettungsleitstellen auch öfter Anrufe von betrunkenen Personen ein, die sich vielleicht nur einen Scherz erlauben. Trotzdem möchte ich lieber nicht daran denken, welche Folgen die Fehler hätten haben können, die in dieser Nacht passiert sind. Was wäre wohl geschehen, wenn nicht wir als ausgebildete Ersthelfer zufällig vor Ort gewesen wären, um den Rettungseinsatz ins Rollen zu bringen?