ZEIT ONLINE: Frau Jones, Sie erforschen seit Jahren Stress. Ständig scheint dieses Wort, dieser Zustand in unserem Alltag und in Medien vorzukommen. Viele Menschen sind sicher: Ihr Leben wird stressiger. Doch was heißt das eigentlich?

Fiona Jones: Stress ist ein sehr ungenauer Begriff. Er bedeutet für verschiedene Menschen unterschiedliche Dinge: Manche denken an Stress und meinen damit etwas Positives, das sie im Alltag antreibt und motiviert. Für andere bedeutet Stress etwas, das sie überfordert. Stress ist ein sehr subjektives Konzept. Ich würde sogar sagen: Die Menschen hatten vor 40 oder 50 Jahren eine andere Vorstellung von Stress als wir heute. Vielleicht litt man unter "schwachen Nerven" oder hatte ein "psychisches Problem". Über Stress wurde früher nicht auf die Art und Weise gesprochen, wie wir es heute tun. Auch, weil gestresst sein als Niederlage oder Schwäche empfunden wurde.

ZEIT ONLINE: Wie hat sich das gewandelt?

Jones: Heute ist Stress gesellschaftlich viel akzeptierter. Die Menschen erwarten geradezu, gestresst zu sein. Wer heute gestresst ist, ist modern. Viele Berufe haben sich verändert, Computer, Mobiltelefone und ähnliche Dinge haben dafür gesorgt, dass es immer schwieriger ist, Arbeit und Privatleben voneinander zu trennen. Das verspüren viele als stressig und deshalb geben auch mehr und mehr Menschen in Umfragen an, dass sie sich gestresster fühlen. Gleichzeitig ist schwierig zu sagen, ob unser Leben tatsächlich stressiger geworden ist.

ZEIT ONLINE: Eine aktuelle Studie der Techniker Krankenkasse für Deutschland hat kürzlich 1.000 Personen am Telefon befragt. Die Teilnehmer sollten unter anderem beantworten, ob sie sich gestresster fühlen als noch vor drei Jahren. Die Mehrheit antwortete mit "Ja". Welche Erkenntnisse können mit derartigen Studien gewonnen werden?

Jones: Sie sagen uns nicht, ob unser Leben tatsächlich stressiger geworden ist. Lediglich, dass sich die Menschen zum Zeitpunkt der Befragung gestresster fühlen. Das ist kein überraschendes Ergebnis. Ich nehme an, dass die Menschen immer sagen werden, dass sie sich gestresster fühlen als früher. Interessanter finde ich die Gründe, die sie dafür angeben. So gesehen kann die Studie Auskunft über den aktuellen Zustand einer Gesellschaft geben. Bessere Untersuchungen zu diesem Thema vermeiden den Begriff Stress und widmen sich stattdessen Themen wie Angst, Depression und deren Symptome.

ZEIT ONLINE: Wie sehen solche Untersuchungen dann aus?

Jones: Forscher in Großbritannien verwenden häufig den "General Health Questionnaire" (GHQ). In Kombination mit anderen Daten – aus der Marktforschung zum Beispiel – wird dieser Fragebogen vor allem für quantitative Stressstudien verwendet. Darin müssen die Befragten sehr detailliert Fragen zu ihrem Wohlbefinden beantworten. Wenn man diese Umfrage mit derselben Gruppe in regelmäßigen Abständen wiederholt, kann man relativ gut einschätzen, wie sich das psychische Wohlbefinden bei diesen Personen entwickelt hat. Gerade weil dieser Fragebogen so detailliert ist, werden sich die Befragten auch nicht erinnern können, was sie vor ein paar Wochen oder Monaten ausgefüllt haben. Das reduziert die Gefahr, dass das Ergebnis verfälscht wird.