Wieder ist ein Mensch gestorben. Wieder in China. Wieder an einer Variante der Vogelgrippe. Und wieder war das Opfer zuvor auf einem Geflügelmarkt.

Was sagen uns solche Nachrichten, die sich stets gleichen, Jahr um Jahr? Stehen wir vor einer Pandemie mit einem Killervirus, das weltweit Millionen Menschen töten könnte? Oder befällt es nur Einzelne und bleibt in Asien, seiner Brutstätte?

Diesmal ist das Opfer eine 73-Jährige aus Nanchang, der Hauptstadt der ostchinesischen Provinz Jiangxi, in der mehr als fünf Millionen Menschen leben. Die Frau war bereits Ende November mit einer schweren Lungenentzündung ins Krankenhaus eingeliefert worden. Am 6. Dezember starb sie dort.  

In sich trug sie ein Virus vom Typ A/H10N8, das zuvor nur von Vögeln bekannt war. Wie schon andere Virenstämme vor ihm hat es dieser Erreger geschafft, die "Artgrenze zu überspringen", wie Forscher sagen. Statt bei seinem üblichen Wirt zu bleiben, hat sich A/H10N8 jetzt auch Homo sapiens vorgenommen.

Das Virus steckt in Geflügel

Wissenschaftler vom nationalen Referenzlabor zur Tierseuchenkontrolle und Impfstoffentwicklung in Guangzhou hatten das A/H10N8-Virus im Januar 2012 erstmals nachgewiesen. Sie entdeckten es in Geflügel von einem Markt in Südchina auf dem Hühner, Enten und Gänse lebend gehandelt werden. Die Forscher entzifferten das komplette Erbgut des Erregers und veröffentlichten die Ergebnisse im Virology Journal

Schon 2011 hatte eine andere Forschergruppe im selben Magazin berichtet, dass A/H10N8 im Dongting-See, Chinas zweitgrößtem Binnensee vorkommt. Der liegt in der Provinz Hunan, die auch an Jiangxi grenzt, von wo jetzt der erste Todesfall gemeldet wurde. Dass die Viren aus dem See und der jetzige Todesfall zusammenhängen, ist extrem unwahrscheinlich. Zu groß ist das Gebiet, zu punktuell die Virenfunde. Allein die Provinz Jiangxi ist gut halb so groß wie Deutschland, 45 Millionen Menschen leben dort.

In der Bevölkerung ausbreiten wird sich das neue Vogelgrippevirus in seiner jetzigen Form nicht, glauben Forscher. "Ich denke, das ist ein Ausreißer", sagte der Hongkonger Virologe Leo Poon dem Nachrichtensender CNN. Und es gibt auch keine Hinweise darauf, dass sich Menschen damit untereinander anstecken können.

Der Sprung auf den Menschen ist schwer

Ein Virus, das bisher nur Vögel infiziert hat, ist angepasst an Geflügelzellen. Um auch menschliche Zellen angreifen zu können, braucht es in seinem Erbgut bestimmte Informationen. An die kommt es entweder zufällig, durch Mutationen, oder, indem es sich mit bereits an Menschen angepassten Virenstämmen vermischt. Menschen, die bereits an Grippe erkrankt sind, können auch Vogelgrippeviren aufnehmen und so mitunter als Brutstätte für angepasste Erreger dienen. Je stärker ein Virus sich in der Bevölkerung verbreiten und vermehren kann, desto schneller mutiert es, lernt dazu.

Noch scheinen die Hürden für A/H10N8 zu hoch, um menschliche Zellen im großen Stil kapern zu können. Das heißt: Um überhaupt daran zu erkranken, muss ein Mensch große Mengen an Viren aufnehmen – etwa durch engen Kontakt zu infizierten Tieren. 

Dass H10-Viren grundsätzlich von Tieren auf Menschen überspringen können, hatte sich 2010 gezeigt: Im Blut zweier Arbeiter einer australischen Geflügelfarm entdeckte man solche Erreger, nachdem eine Epidemie mit A/H10N8 unter den Nutztieren ausgebrochen war.

A/H5N1 ist weiterhin das größere Problem

Ein weitaus größeres Problem in China ist weiterhin die Vogelgrippe A/H5N1. 648 Infizierte in 15 Ländern hat die WHO bisher registriert. 384 davon starben. Im Vergleich mit den Zehntausenden von Menschen, die sich jedes Jahr eine saisonale Grippe einfangen – im Moment sind in Deutschland A/H3N2 und A/H1N1 der vorherrschende Erreger – sind diese Zahlen verschwindend gering. Die "alte" Vogelgrippe ist für den Einzelnen zwar lebensgefährlich, hat aber bisher nicht das Zeug zur Pandemie, einer weltumspannenden Seuche. Denn hoch ansteckend ist A/H5N1 nicht. 

Seit März geht in China zudem eine weitere Tierseuche um, die auch 143 Menschen befallen hat, von denen 45 gestorben sind: A/H7N9. Die letzten beiden Fälle wurden am 15. und 16. Dezember gemeldet. Auch diese Vogelgrippe würde erst zu einem weltweiten Problem, wenn sie eines Tages schnell und einfach von Mensch zu Mensch übertragen würde.