Michael Christiansen* war ein erwachsener Mann, als er die Diagnose ADHS erhielt, eine Aufmerksamkeitsdefizit- und Hyperaktivitätsstörung. Das war einer der wichtigsten Tage in seinem Leben, sagt er heute. "Es war, als konnte ich plötzlich verstehen, was Normalsein bedeutet, wie all die anderen ticken – so als ob ein entgleister Zug endlich wieder in seine Schienen gesprungen wäre", sagt er.

Bis dahin waren dem damals 24-Jährigen die Gedanken und Eindrücke nur so durch den Kopf gesaust, ohne roten Faden, ein Gedanke löste den nächsten ab, in Windeseile. Egal worauf er sich konzentrieren wollte, seine Aufmerksamkeit war in Sekunden woanders – bei der neuen E-Mail im Posteingang oder beim vorbeifahrenden Auto, dessen Geräusch ihn packte. Im nächsten Augenblick wollte seine WG-Mitbewohnerin etwas, aber er hörte nicht richtig hin – sein Gehirn hatte schon wieder anderes vor. 

Michael Christiansen war damals mitten im Physikstudium. Er wirkte nicht so, als wäre er krank. Ein bisschen unorganisiert war er schon, immer spät dran, vielleicht etwas faul. Ein typischer Bummelstudent, könnte man denken. Seine konfuse Art fanden manche sogar cool. Er gab sich unangepasst, impulsiv und spontan – nach außen sah es aus, als prallte der Leistungsdruck des Studiums an seinem Selbstbewusstsein ab.

Ritalin als letzter Ausweg?

Innerlich war Christiansen längst verzweifelt. Obwohl ihn sein Studienfach faszinierte und er Lust hatte, Neues zu lernen, funktionierte es nicht. "Seitdem ich keine feste Struktur mehr hatte, wie zuvor in der Schule, entglitt mir plötzlich alles", sagt der heute 28-Jährige.

Sein Tagesablauf geriet aus dem Ruder. Erst spät abends fing er mit dem Lernen an, blieb wach bis es hell wurde, ohne wirklich etwas zu schaffen. Danach schlief er durch, bis seine Mitbewohner schon wieder von der Uni zurück waren. "Sobald mich etwas interessiert, verzettele ich mich und verliere mich in Kleinigkeiten. Alles andere bleibt auf der Strecke," sagt er.

Das Leben schien ihm immer einen Schritt voraus zu sein. Auch Alltagstätigkeiten wie Essen machen oder Putzen überforderten ihn bald. Das führte zu Konflikten und Unverständnis seitens der Mitbewohner. Jeden Tag musste er sich anhören, er solle sich doch mal aufraffen. So lange, bis er sich wirklich wie ein Versager fühlte.

Der Leidensdruck ließ ihn erfinderisch werden, er recherchierte und kam auf die Idee, es mal mit Ritalin zu versuchen. Das Medikament mit dem Wirkstoff Methylphenidat wird ADHS-Patienten verschrieben. Und es wird – illegal – auf manchem Campus herumgereicht, unter seelisch gesunden Studenten, die damit kurzfristig ihre Konzentrationsfähigkeit steigern wollen. Schneller lernen, bessere Noten erzielen, unter dem Druck des Creditpoint-Systems bestehen, das sind die Ziele, die junge Menschen dazu bringen, es mit Hirndoping zu versuchen und riskante Nebenwirkungen in Kauf zu nehmen. 

Michael Christiansen ging es um etwas ganz anderes. Für ihn war die Ritalin-Pille der verzweifelte Versuch, überhaupt noch etwas auf die Reihe zu bekommen. Wirklich geplant hatte er es nicht. Ein Studienkollege, mit dem er sich zum Lernen traf, erzählte ihm eines Tages, er habe Ritalin zur Konzentrationssteigerung genommen. Christiansen erlag der Versuchung und griff ebenfalls zu einer Tablette. Diese Erfahrung änderte sein Leben radikal. 

Als er merkte, wie sich plötzlich seine Gedanken sortierten, bündelten und neu ausrichteten, wie er auf einmal eine Klarheit im Kopf verspürte, die fast wehtat, da wusste er: Das Medikament wirkt. Zum ersten Mal konnte er nachvollziehen, was fokussierte Aufmerksamkeit ist. Sich einer Tätigkeit vollständig hingeben, sich in dem Moment nur für ein Thema interessieren, ganz bei der Sache sein – so einen Zustand hatte der Physikstudent bis dahin nicht gekannt.

Und sein so ruckartig geschärfter Verstand sagte: Das heißt, meine Vermutung stimmt, ich habe ADHS. Noch in der gleichen Woche nach dem Aha-Erlebnis ging Christiansen zum Facharzt. Er wollte endlich Klarheit. Schon in der Auswertung der ersten Fragebögen sprach vieles für eine ADHS, schnell stand die Diagnose fest.