Nur ein schrumpeliges Stückchen Erbfaden macht den Mann zum Mann. Das Y-Chromosom wirkte bis vor wenigen Jahren wie ein "schlampiges Biest". Eine Umschreibung, die der Evolutionsbiologe David Page bemühte. Der Erbfaden lümmele sich in seinem abgenutzten Sessel, wie jemand, der es nicht schafft, einen Termin beim Arzt auszumachen oder seine Wohnung aufzuräumen, wenn sein Partner ihm nicht in den Hintern tritt.

Neben seinem Partner, dem X wirkt das Y kümmerlich, büßte es in der Geschichte doch 90 Prozent seiner Gene ein. Während die anderen 22 Chromosomenpaare munter Erbgut tauschten, gegenseitig Fehler ausglichen und sich weiterentwickelten, beendete das männliche Y diese Beziehung.

Als es vor Kurzem auch noch Forschern gelang, aus lediglich zwei Y-Erbanlagen in Mäusen gesunden Nachwuchs im Reagenzglas zu zeugen, schien für Einige wieder einmal klar: Das Y stirbt aus. In freier Wildbahn hat sich das männliche Chromosom sogar hier und da schon verabschiedet. Die Stachelratte Tokudaia muenninki teilt sich zwar in Männlein und Weiblein, ein Y braucht sie in ihrem Genom allerdings längst nicht mehr. Wobei, "es unfair ist, zu behaupten, der Nager hätte sein Y-Chromosom komplett verloren", sagt Melissa Wilson Sayres. Einige der Y-Gene seien wohl auf andere Chromosomen übergesprungen.

Dass dem männlichen Homo sapiens ein ähnliches Schicksal bevorsteht, hält die Evolutionsbiologin von der kalifornischen Berkeley Universität für ausgeschlossen. "Man kann mich in fünf Millionen Jahren darauf festnageln, sollte ich falsch liegen." Warum sie sich so sicher ist, beschreibt Wilson Sayres und ihr Team im Magazin PLoS Genetics.

Wie überlebte das winzige Y?

Zusammen mit ihren Kollegen hat sie erstmals verglichen, wie stark sich nicht nur die Geschlechtschromosomen unterscheiden, sondern auch die restlichen 22 Erbfäden des Menschen. Dafür nutzte sie unter anderem die DNA-Daten von acht Afrikanern und acht Europäern.

Die Ergebnisse waren eine Überraschung: "Y-Chromosomen sind sich viel ähnlicher, als wir erwartet hatten", sagt die Forscherin. Und ihre genetischen Informationen blieben bis heute erhalten, weil sie offenbar bislang unbekannte wichtige Aufgaben übernehmen. 

Zwar könnte man auch die These vom kleinen Genpool vertreten, wonach die genetische Vielfalt des Y-Chromosoms deshalb so mager wäre, weil nur wenige Männer für den Fortbestand der Menschheit in den vergangenen Jahrtausenden gesorgt und ihr Erbgut an kommende Generationen vermacht hätten. Doch wäre das wirklich der Hauptgrund für das etwas kümmerliche Y-Chromosoms, müsste auch der Rest des Männer-Erbguts Spuren geringerer Vielfalt aufweisen – tut es aber nicht.

In Wahrheit ist die mickrige Größe des menschlichen Y-Chromosoms auch das Ergebnis einer Verschlankungskur. Die Evolution hat den Erbfaden aufs Wesentliche getrimmt.   

Wissenschaft - ZEIT Akademie: Die Grundlagen der natürlichen Selektion Darwins Theorie der Evolution durch natürliche Selektion wird von vielen als wichtigste Idee in der Biologie angesehen. Warum, erklärt der Evolutionsbiologe Prof. Dr. Axel Meyer.

Biologen nennen das natürliche Selektion: Was sich am besten anpasst, setzt sich durch. Im Falle des Y-Chromosoms verlief dies offenbar so effizient, dass unnötige oder gar schädigende genetische Informationen verloren gingen.

Melissa Wilson Sayres und ihr Team belegen dies mit ausgefeilter Statistik. Sie berechneten verschiedene Szenarien und nutzten hypothetische Daten für das Y-Chromosom und glichen sie mit den tatsächlichen Erbgutinformationen ab, die ihnen vorlagen.