Wer Xenon inhaliert, dessen Körper schüttet mehr Erythropoetin (Epo) aus, bildet mehr rote Blutkörperchen, kann mehr Sauerstoff aufnehmen und entsprechend läuft, springt, wirft und turnt es sich schneller, höher und weiter. Doping durch Einatmen eines Gases also. Laut einem Bericht des WDR sollen russische Athleten genau das nicht nur vor den Wettkämpfen in Sotschi, sondern auch bei früheren Olympischen Spielen gemacht haben.

Ein Gas, das Flügel verleihen soll? Was steckt dahinter? Narkoseärzte sind mit Xenon schon lange vertraut. 1951 wurde es zum ersten Mal in der Anästhesie eingesetzt. Der Vorteil: Der Kreislauf eines Menschen bleibt während der Operation unter Einfluss von Xenon relativ stabil. Weil es recht teuer war, wurde es in Operationssälen aber nicht zum Standard. 

Seit den 1990er Jahren werden aber wieder klinische Studien mit Xenon durchgeführt. Denn anders als andere Narkosegase geht es im Körper keine chemischen Verbindungen ein, sondern wird unverändert ausgeatmet, dürfte also weniger Nebenwirkungen haben. Inzwischen gibt es Belege dafür, dass es in bestimmten Fällen auch Neugeborenen mit schwerem Sauerstoffmangel hilft.

Zur Leistungssteigerung dürfte Xenon von Sportlern im Mix mit Sauerstoff eingeatmet werden, wahrscheinlich im Verhältnis von 1:1. Bereits vor fünf Jahren hatten Forscher vom Imperial College in London in einer Studie an Mäusen gezeigt, dass die Produktion von Epo im Körper unter dem Einfluss eines Xenon-Sauerstoff-Gemischs im Verhältnis 70 zu 30 innerhalb eines Tages verdoppelt wird.

"Klinische Studien dazu fehlen aber, zumindest im westlichen Kulturkreis", sagt Stefan Reyle-Hahn, Chefarzt der Anästhesie im Evangelischen Waldkrankenhaus Berlin-Spandau. Der Xenon-Experte berichtet, dass das Gas in Russland nicht nur als Narkosemittel, sondern auch in der Schmerzbehandlung von Krebspatienten eingesetzt wird.

Und womöglich auch unter Sportlern. Epo ist der Klassiker unter den Dopingsubstanzen, denn der Sauerstoff-Boost durch mehr rote Blutkörperchen lässt Herz, Lunge und Muskeln besser arbeiten.

Ist das wirklich Doping?

Die direkte Zufuhr von Epo zum menschlichen Organismus gilt als Doping und ist im Sport verboten. Bereits Anfang Februar hat sich der britische Economist mit der Frage beschäftigt, ob auch das Inhalieren eines xenonhaltigen Gasgemisches Doping sei. Nicht unbedingt, so wurde dort argumentiert. Ein Training in großer Höhe oder in speziellen Höhenkammern sei Sportlern schließlich auch nicht verboten. Und wer ein Xenon-Sauerstoff-Gemisch einatme, schaffe nur mit anderen Mitteln die Trainingsbedingungen einer sauerstoffarmen Umgebung.

Allerdings sind auch der nichttherapeutische Einsatz pharmakologisch wirksamer Substanzen und die künstliche Erhöhung der Aufnahme, des Transports oder der Abgabe von Sauerstoff von der Welt-Anti-Doping-Agentur (Wada) ausdrücklich verboten. Sie will das Thema Gasinhalation nun möglichst rasch diskutieren, kündigte ihr Präsident Craig Reedie an. Sein Amtsvorgänger Richard Pound macht klar: Diese Methode wurde "ausschließlich zur Leistungssteigerung entwickelt – für mich ist das Doping", zitiert ihn die Nachrichtenagentur dpa.

Der Nachweis, dass es eingeatmet wurde, sei kein grundsätzliches Problem, sagt der Dopingforscher Mario Thevis von der Sporthochschule Köln. "Prinzipiell kann man wohl davon ausgehen, dass Xenon verabreicht wurde, wenn es im Blut in nennenswerten Mengen vorhanden ist." Dafür müsste nur das Testprogramm erweitert werden. Gesundheitliche Schäden infolge des Einatmens des Xenon-Sauerstoff-Gemisches sind laut Reyle-Hahn nicht zu erwarten.

Erschienen im Tagesspiegel