Jede einzelne Diagnose ist ein Schock für einen Menschen und seine Angehörigen. Trotz aller Forschung gilt Krebs immer noch als der Killer schlechthin, mehr als acht Millionen Menschen sind auch im Jahr 2012 an den Folgen ihrer Erkrankung gestorben.

Pünktlich zum 4. Februar, dem Weltkrebstag, erschrecken die aktualisierten Zahlen der Weltgesundheitsorganisation (WHO) umso mehr: 14 Millionen Menschen sind 2012 neu an Krebs erkrankt, Hochrechnungen der International Agency of Cancer (IARC) der WHO ergeben, dass es im Jahr 2025 20 Millionen sein könnten.

Die Zahlen allein zeigen nicht die ganze Wahrheit. So gibt es zumindest in reicheren Ländern deutliche Fortschritte, wenn es um das Überleben einer Krebserkrankung geht. Zählte der Krebsinformationsdienst am Deutschen Krebsforschungszentrum (DKFZ) vor 1980 unter allen Erkrankten noch mehr als zwei Drittel tödliche Krebsverläufe, so lebt heute mehr als die Hälfte noch fünf Jahre und länger nach der Diagnose. Mediziner nennen diese Menschen geheilt. 

Damit steigt also auch die Zahl der Menschen, die schon Krebs hatten. Die Daten der IARC zeichnen ein Bild, dass sehr detailliert ist. Hinter der pauschalen Rechnung der Krebsfälle verbergen sich ebenso Kinder, die etwa an einer Leukämie oder einem Lymphom erkrankt sind. Ihre Chancen, wieder gesund zu werden, geben Ärzte mit mehr als 80 Prozent an. Andererseits stehen auch Erwachsene in der Statistik, denen ein Tumor in der Bauchspeicheldrüse diagnostiziert wurde. Nur acht Prozent von ihnen lebt länger als die fünf Jahre, die eine Heilung ausmachen. Dramatischen Erfolgen in der Behandlung einiger Krebsformen steht also eine traurige Stagnation in anderen gegenüber.

Sterben mit Tumor, nicht am Tumor

Krebs muss heute kein Todesurteil mehr sein, selbst wenn eine wachsende Zahl an Menschen nicht geheilt werden kann. Derzeit leben zum Beispiel in Deutschland nach Angaben des DKFZ mehr als 270.000 Männer, denen in den vergangenen Jahren die Diagnose Prostatakarzinom gestellt wurde. Viele der Erkrankten leben noch Jahre mit ihrem Krebs. Sie sterben oft auch mit, aber nicht an ihrem Tumor. Dies gilt auch für andere Krebsarten. Teilweise halten moderne Medikamente wuchernde Krebszellen und seine Absiedlungen in Schach, indem sie ihm etwa die Blutversorgung abschneiden. Dadurch steigt die Prävalenz von Krebs, also die Zahl der Menschen, die weltweit zum gleichen Zeitpunkt Krebs haben.  

Früherkennungsprogramme können sich zumindest zeitweise negativ auf die Statistik auswirken: Als 2004 das Mammografie-Screening für Frauen zwischen 50 und 69 Jahren in Deutschland eingeführt wurde, stieg zunächst die Zahl der Brustkrebs-Diagnosen. Seit 2009 ist nach Angaben des DKFZ dieser Trend wieder rückläufig.

"Der weltweite Anstieg der Krebserkrankungen ist dramatisch. Er spiegelt aber auch die Entwicklung wider, dass Menschen eine immer höhere Lebenserwartung haben. Krebs ist eine Krankheit des Alters", sagt Otmar Wiestler, Vorstandsvorsitzender des DKFZ. Einem Heranwachsenden unter 15 Jahren, der an Krebs erkrankt, stehen 200 bis 300 über 80-Jährige mit einer Neudiagnose gegenüber.

Viele Mediziner setzen deshalb darauf, Vorstadien von Krebs zu entdecken und sie zu behandeln. Das ist für Darmkrebs möglich, einer der häufigsten Krebsarten, die weltweit bisher in jedem Jahr rund 1,4 Millionen Menschen tötet. Eine Darmspiegelung, wie sie in Deutschland allen Versicherten ab dem 55. Lebensjahr alle zehn Jahre zusteht, kann helfen. Hier entfernen Ärzte Polypen, aus denen möglicherweise Tumoren entstehen könnten.

Es mag zunächst abwegig klingen, aber die Zunahme der Neuerkrankungen lässt sich teilweise auch als gutes Zeichen werten. Nicht nur wird Krebs häufiger entdeckt, er nimmt auch in Ländern zu, in denen der Human Development Index (HDI) steigt, ein Maß für Wachstum und Wohlstand. "Es wäre allerdings noch ein besseres Zeichen, wenn wir in der Lage wären, trotz steigender Lebenserwartung und steigenden Wohlstands einen Gegentrend einzuleiten", sagt Johannes Bruns, Generalsekretär der Deutschen Krebsgesellschaft.