ZEIT ONLINE: Herr Gaßmann, Alkohol und Tabak sind seit Jahrzehnten die Drogen mit den schwersten Folgen für die Bevölkerung. Haben Rauchverbote und Aufklärungskampagnen versagt?

Raphael Gaßmann: Dank Rauchverboten in Büros, öffentlichen Gebäuden, Gaststätten und Verkehrsmitteln wird definitiv weniger geraucht. Es gibt also einen positiven Effekt. Einen Süchtigen mögen Sie mit Rauchverboten, Warnhinweisen auf Schachteln oder Plakaten nicht von der Sucht loskriegen, aber Sie verändern damit das Image des Rauchens. Heute gilt es endlich und zu Recht als lästig, tödlich und teuer. Also gibt es keinen Grund, damit anzufangen. 2001 fingen noch knapp 30 Prozent der Jugendlichen zwischen zwölf und 17 Jahren an zu rauchen, heute sind es gut zehn Prozent. Das ist einer der größten gesundheitspolitischen Erfolge seit dem Zweiten Weltkrieg.

ZEIT ONLINE: Deutschlands Politiker wissen also, wie eine effiziente Drogenpolitik aussieht?

Gaßmann: Ja, quasi aus Versehen. Es gab Steuererhöhungen, weil die Bundesregierung damit Anfang der 2000er Jahre den Anti-Terrorkampf finanzieren wollte. Werbeverbote kamen, weil die EU Deutschland dazu gezwungen hat. Zuvor hatten drei Regierungen unter Kohl, Schröder und Merkel dagegen geklagt und verloren. Rauchverbote in Gaststätten kamen als Initiative mehrerer Gesundheitsverbände zustande, der sich die Politik zunächst nur sehr zögerlich anschloss.

ZEIT ONLINE: Wenn das für Tabak so gut funktioniert, warum wird es für Alkohol nicht gemacht – trotz bekannter Gesundheitsrisiken? Der ZEIT-ONLINE-Drogenbericht zeigt: Fast die Hälfte der Umfrageteilnehmer, die regelmäßig Alkohol trinken, konsumiert in riskanten Mengen. Und zwar ohne sich dessen bewusst zu sein. Wird Alkohol von der Politik also unterschätzt?

Gaßmann: Absolut. Gesundheitspolitiker beklagen, wie schlimm und ungebremst die Alkoholproblematik sei. Komasaufen, heißt es, jährlich wieder zigtausend Jugendliche in den Notaufnahmen, erschreckend, dramatisch! Doch die Verhältnisse bleiben unangetastet: Jeder Jugendliche kann sich rund um die Uhr für kleines Taschengeld eine tödliche Dosis Alkohol kaufen. Ständig ist er der Werbung für diese lebensgefährliche Droge ausgesetzt. Was wird dagegen unternommen? Nichts, das die Lage entspannen würde.

ZEIT ONLINE: Was sind die Gründe dafür?

Gaßmann: Ein häufiges Argument lautet, Werbung dürfe nicht beendet werden, nur weil Alkohol ein legales Produkt sei. Das ist die liebste Nebelbombe von Herstellern und Werbeindustrie. Aber: Verschreibungspflichtige Medikamente oder Handfeuerwaffen sind ebenfalls legale Produkte und unterliegen dennoch einem wirksamen Jugendschutz und Werbeverboten – eben weil sie gefährlich sind. Nicht allein die Aufklärung macht den Unterschied, sondern auch wie präsent und verfügbar das Suchtmittel ist. Wichtige Fragen sind: Wie teuer ist es, wird dafür geworben, darf es in der Öffentlichkeit konsumiert werden, wird es rund um die Uhr in Tankstellen verkauft oder nur in lizenzierten Geschäften? Wie wird der Jugendschutz kontrolliert, was passiert, wenn er gebrochen wird?

ZEIT ONLINE: Unsere Umfrage unter Drogennutzern hat auch ergeben: Fast zwei Drittel greifen zu Koffein, um sich zu berauschen. Das ist legal. Neun Prozent schluckten es im Jahr vor der Umfrage in Tablettenform, fünf Prozent nahmen es als Pulver. Überrascht Sie das?

Gaßmann: Koffeinpulver kommt uns in der Suchthilfe kaum unter. Wenn es ein Trend ist, überrascht der mich aber nicht. Tabletten und Energydrinks mit Koffein sind gerade unter Minderjährigen beliebt. Und Rausch- und Suchtmittel, die aufputschen, sind seit mindestens zehn Jahren auf dem Vormarsch. Tatsächlich haben offizielle Statistiken blinde Flecken bezüglich aller neu aufkommenden Substanzen. Die Ergebnisse aus derlei Befragungen sind in der Regel zwei Jahre alt. Deshalb können aktuellere, nicht repräsentative Umfragen wie der ZEIT-ONLINE-Drogenbericht interessant sein. Sie sind aber vor allem ein Diskussionsanstoß. Gesundheitspolitisch müssen wir uns auf repräsentative Studien stützen.