Kaori Saito hat Großes vor. Die Studentin aus Hiroshima ist mit ihren besten Freundinnen zum Karaokesingen verabredet, wie immer sind die Drinks all-inclusive. Für das perfekte Spektakel fehlt bloß noch eins: "Drei Ukon, bitte", sagt sie an der Kasse eines Markts und reicht umgerechnet rund vier Euro über den Tresen. "Morgen ist jetzt gerettet."

"Ukon" ist kurz für "Ukon no chikara", ein hochkonzentriertes Getränk, dem eine Heilkraft von größter Bedeutung nachgesagt wird: Wer den süßlichen Trunk eine Stunde vor dem Feiern zu sich nimmt, soll am nächsten Morgen ohne Kater erwachen – ohne Kopfschmerzen, ohne Übelkeit, ohne schlechte Laune. Kaori Saito ist nur eine von vielen Japanern, die der Aussage des Herstellers Glauben schenkt. Ukon ist mittlerweile an jeder Straßenecke zu haben, im Kühlregal werden die Aluminium-Fläschchen als heilwirksame Drogerieware präsentiert. 100-Milliliter reinster Anti-Kater-Zaubertrank, angeblich.

Der Name des Trunks lässt sich mit "die Kraft des Gelbwurzes" übersetzen. Gelbwurz ist eine Pflanze, die in Japan vor allem im weit südwestlich der Hauptinseln gelegenen Okinawa angebaut wird. Auch in Südostasien ist das dem Ingwer verwandte Gewächs bekannt. In der indischen Küche wird es seit Jahrhunderten zum Würzen genutzt, als Katermittel jedoch ist es dort unbekannt.

Nach starkem Alkoholkonsum leidet der Mensch, weil die Niere mehr Wasser ausscheidet als sonst, sodass der Körper dehydriert. Billige Spirituosen enthalten zudem häufig Beistoffe, die den Kater noch unangenehmer machen, wegen ihrer höheren Anzahl an Acetaldehyden. Bemerkbar macht sich der Zustand dann durch Kopfschmerzen, Lichtempfindlichkeit, einen flauen Magen und schlechte Laune, die oft mit Konzentrationsschwierigkeiten einhergeht. Hemlut Seitz, Leiter des Alkoholforschungszentrums an der Universität Heidelberg, rät daher dazu, schon während des Alkoholkonsums Wasser zu trinken. Schmerzmittel am Tag danach bekämpfen dagegen nur die Symptome, greifen aber nicht selten Magen oder Niere an.

Kurkuma soll die Leber animieren

Der Inhaltsstoff Kurkuma, der in der Gelbwurz-Pflanze enthalten ist, beugt hingegen laut Japans Nationalem Institut für Gesundheit und Ernährung tatsächlich der Katerstimmung vor. Er rege die Funktionsfähigkeit der Leber an, die für den Abbau von Alkohol zuständig ist, wie laut des Instituts Versuche an Ratten gezeigt haben (Nagata & Saito, 2005; Nanji et al., 2003). Allerdings blieb bei beiden Studien unklar, inwieweit die stärkere Leberfunktion tatsächlich auf Kurkuma zurückzuführen war, und wie sehr andere Stoffe das Organ animiert hatten.

Yasuo Watanabe, Direktor am Yokohama College of Pharmacy und Entwickler von Ukon no chikara, testete sein Getränk daher gleich selbst an menschlichen Probanden. 30 Erwachsene hatte er ein Kurkuma-Getränk beziehungsweise ein Placebo trinken lassen, danach nahmen sie Alkohol zu sich (Sasaki et al., 2011). "Die Ergebnisse haben mir klar gezeigt, dass es einen Effekt von Kurkuma gibt", sagt er. "Erstens wird die Absorption von Alkohol gehemmt, man wird also langsamer betrunken. Zweitens wird der Stoffwechsel angeregt, um den Alkohol besser abzubauen."

Allerdings sei die Wirkungskraft nicht stark genug, um den Stoff als Medizin zu zertifizieren. Deshalb rangiert es nur als Functional Food in den Regalen. "Kurkuma ist wie ein Torhüter beim Fußball, der aber nicht der weltbeste ist", sagt Watanabe. "Viele Schüsse hält er auf, aber es gibt andere Torhüter, die besser sind." Doch damit der Trank wirke, gibt er zu, "muss man auch an dessen Wirkung glauben." Dann betont er noch, der Getränkehersteller House Foods habe ihn nicht für die Entwicklung des Getränks bezahlt.