"Mein Körper ist eine Baustelle, aber mein Kopf funktioniert noch." So lakonisch bringt Maya Hügle ihre lange Krankengeschichte auf den Punkt. Ihre Nieren versagten den Dienst, als sie 19 war, vor fast 40 Jahren. Ihr Körper stieß im Lauf der Jahre drei Spendernieren ab. Seit zehn Jahren ist sie deshalb wieder Dialyse-Patientin, mehrmals in der Woche muss sie zur Blutwäsche.

"Manchmal kann ich nicht glauben, dass ich noch da bin", sagt die 58-Jährige. Seit dieser Woche ist Maya Hügle bundesweit auf vielen Plakatwänden mit ihrer Nichte beim gemeinsamen Kochen zu sehen. Sie ist Teil einer Aktion, die die deutschen Nephrologen – benannt nach dem griechischen Wort für Niere, nephròs – gerade gestartet haben. Zusammen mit dem Verband Deutscher Nierenzentren, dem Kuratorium für Dialyse und Nierentransplantation und der Stiftung Patienten-Heimversorgung nimmt die Deutsche Gesellschaft für Nephrologie einen runden Geburtstag zum Anlass, um an die Bedeutung des paarig angelegten Organs zu erinnern: Die Dialyse wird 90 Jahre alt. "Ihre Niere liegt uns am Herzen", verkündet die Kampagne.

Bisher hat das Organ ein stiefmütterliches Dasein geführt. Dabei kommen wir nicht ohne Nieren aus: Sie waschen täglich fast 1.800 Liter Blut, filtern Giftstoffe und Stoffwechselprodukte heraus, bilden den Harn, regulieren den Wasserhaushalt und stellen das Gleichgewicht von Säuren und Basen sicher. Und sie tragen zudem zur Bildung roter Blutkörperchen bei.

Zuerst war die Skepsis groß

Maya Hügle ist nur eine von mehr als 80.000 Patienten, die in Deutschland regelmäßig an die "künstliche Niere" müssen. "Heute ist die Dialyse eine Selbstverständlichkeit", sagt Jürgen Floege, Präsident der Fachgesellschaft. Als im Jahr 1924 der Mediziner und Naturwissenschaftler Georg Haas erstmals seinen selbst gebauten Apparat aus Glaszylindern und Schläuchen zur Entgiftung der Niere in einem Hörsaal der Universität Gießen bei einem Patienten einsetzte, war die Skepsis noch groß. Nicht ganz zu Unrecht: Technische und medizinische Probleme, unter anderem mit der Blutgerinnung, führten zu einer längeren Pause, bis der Niederländer Willem Kolff der Fachwelt Mitte der 1940er Jahre seine rotierende künstliche "Trommelniere" vorstellte, die in den 1950er Jahren in den USA zum Einsatz kam; nicht zuletzt bei Soldaten, die mit schweren Virusinfektionen und akutem Nierenversagen aus dem Koreakrieg heimgekehrt waren.

Erst in den 1960er Jahren wurden jedoch die Shunts entwickelt – künstliche Verbindungen zwischen einer Vene und einer Arterie, meist im Unterarm des Nierenkranken – die es möglich machen, Patienten auf Dauer zu dialysieren. Sie schaffen einen Zugang zum Blut. Mehrmals in der Woche wird es in ein Gerät gepumpt und durch poröse Kunststoffröhrchen geleitet, die eine halb durchlässige Membran darstellen. Die Röhrchen werden außen von einer Elektrolytlösung umspült, die Schadstoffe aus dem Blut wandern entsprechend dem Konzentrationsgefälle in diese Flüssigkeit. Das gereinigte Blut fließt dann wieder zurück in den Körper. So funktioniert es jedenfalls bei der klassischen Hämodialyse, für die die Betroffenen in eine Klinik, ein Zentrum oder die Praxis eines Nephrologen kommen. Je länger und häufiger das Blut dort gereinigt wird, desto besser ist es für den gesamten Organismus.

Eine zweite Technik, die Peritonealdialyse, ermöglicht diese Reinigung im Körperinneren. Durch einen dauerhaft angelegten Katheter wird aus einem Beutel sterile Lösung in die Bauchhöhle gegeben und nach einigen Stunden, durch die harnpflichtigen Substanzen des Bluts angereichert, wieder abgelassen. Das besonders gut durchblutete Bauchfell, das den Bauchraum auskleidet, erfüllt dabei die Funktion der Membran. Das funktioniert auch zu Hause, mit einer verfeinerten Technik sogar nachts im Schlaf. Nur wenige Betroffene können oder wollen aber die ganze Verantwortung für die eigene Blutwäsche übernehmen.