Crystal Meth wirkt wie eine unendliche Glücksspritze. Sie verspricht mehr Leistung und mehr Spaß – und mehr Abhängigkeit. Denn die synthetische Droge macht extrem schnell süchtig, die Folgen reichen von Psychosen bis hin zu Angstzuständen. Längst sind die Kristalle in Deutschland angekommen. Der Drogenverdacht gegen den SPD-Politiker Michael Hartmann hat sie jüngst wieder in die Schlagzeilen gebracht.

Doch was ist Crystal Meth nun tatsächlich: Eine Zeitgeist-Droge der Massen oder doch bloß ein Problem weniger Abhängiger? Um die Substanz ranken sich zahlreiche Mythen, nicht selten werden Unwahrheiten als Fakten gehandelt. Ein Überblick über die Droge, ihre Wirkung und den Handel:

Die Droge – Crystal Meth oder kurz Crystal ist eine synthetische Droge aus der Gruppe der Methamphetamine. Diese sind eine Substanzklasse der Amphetamine, zu der auch Speed und Ecstasy gehören*. Süchtige schnupfen, ziehen, rauchen oder spritzen die Substanz, die häufig in Form von groben Kristallen oder Pulver verkauft wird.

Die Herstellung – Crystal Meth entsteht aus Verbindungen wie Ephedrin, diese sind beispielsweise in Hustensäften und Schnupfenmitteln enthalten. Die Zutaten für die Droge gibt es also in jeder Apotheke; das macht die Herstellung vergleichsweise billig. Ephedrine etwa werden oft mit Jodwasserstoff reduziert, daraus entsteht Crystal Meth. Je nachdem, in welchem Verhältnis die Stoffe miteinander vermischt werden, verändert sich die Wirkung.

Die Wirkung – "Methamphetamin führt zu einer starken Dopamin-Ausschüttung im Gehirn, die kaum eine andere Droge erreicht", sagt Rafael Riera, Chefarzt der Bezirksklinik Hochstadt im Norden Bayerns, die auf Methamphetamin-Süchtige spezialisiert ist. Dopamin ist ein biochemischer Botenstoff, der Erregung von Zelle zu Zelle überträgt. Süchtige vergleichen den Rausch daher mit einem Glücksstrudel. Manche Konsumenten bleiben tagelang wach, verspüren keinen Appetit und sind euphorisch. Alles scheint zu gelingen. Lässt die Wirkung nach, werden Süchtigen antriebslos und lethargisch.

Die Geschichte – Entgegen vieler Behauptungen ist Crystal Meth kein neues Phänomen. Die Droge existiert unter anderem Namen schon seit mehr als 100 Jahren. Ein japanischer Chemiker stellte Methamphetamin erstmals 1893 her, 1921 wurde sie patentiert. Als "Pervitin" kam Methamphetamin in den 1930er Jahren schließlich auf den Markt. Während der Blitzkriege gegen Polen und Frankreich schluckten die deutschen Soldaten die Pillen, weshalb sie auch den Spitznamen Panzerschokolade tragen. Die Droge machte zwar schnell abhängig, doch sie unterdrückte das Angstgefühl und machte die Soldaten skrupelloser und leistungsfähiger. Nach dem Krieg wurde die Droge vor allem im Sport als Dopingmittel eingesetzt. Doch sogar als Fertigarzneimittel blieb Pervitin bis 1988 im Handel.

Die Konsumenten – Heute wird Crystal quer durch die Gesellschaft konsumiert – Handwerker, Mütter und Manager nehmen es. Es ist keine "Unterschichten-Droge", wie oftmals behauptet wird. Besonders verbreitet scheint die leistungssteigernde Droge nach bisherigen Kenntnissen in Berufen, in denen es um Akkord- und Schichtarbeit geht.

Im März 2014 ist die erste öffentliche geförderte Studie zum Konsum von Crystal Meth in Deutschland erschienen. Die Forscher des Zentrums für Interdisziplinäre Suchtforschung  (ZIS) in Hamburg befragten rund 400 Konsumenten zu ihrem Konsumverhalten (Schäfer et al., 2014). Die Studie ist qualitativ angelegt, die Zahlen sind daher nicht repräsentativ. Dennoch sind die Erkenntnisse interessant. Sie zeigen, dass sich die Motive der Nutzer gleichen: Alle streben nach Leistung und Spaß. Unter den Befragten identifizierten die Forscher unterschiedliche Milieus. Jugendliche ziehen die Droge abends auf Partys. Handwerker konsumieren sie, um länger durchzuhalten. Junge Mütter nehmen Crystal, um nach der Schwangerschaft schneller abzunehmen.