Weiße Pest, TB, Tuberkulose – die gefährliche Infektionskrankheit hat viele Namen. Fast jeder Dritte auf der Erde trägt den Erreger in sich, um die acht Millionen Menschen erkranken jedes Jahr, mehr als eine Million sterben daran. Verlaufen kann die Bakterien-Infektion sehr unterschiedlich, den blutigen Auswurf, den viele mit Tuberkulose assoziieren, haben nur wenige. Typischer ist der zunehmende Gewichtsverlust, dazu ein über Wochen andauernder, aber ansonsten unauffälliger Husten.

Während Antibiotika die Tuberkulose in Europa zurückgedrängt haben, ist sie weltweit weiterhin eines der größten Gesundheitsprobleme. Das Bakterium Mycobacterium tuberculosis ist mittlerweile gründlich erforscht – nicht aber sein Weg rund um den Globus.

Zwar ist bekannt, dass Varianten des Bakteriums Mycobacterium tuberculosis nicht erst mit den Entdeckern des 16. Jahrhunderts auch Nordamerika bevölkerten, sondern schon um das Jahr 1.000 nach Christus (Salo et al., 1993; Roberts&Buikstra, 2003) in der Neuen Welt zu finden waren. Wie ihnen der Weg von Europa über den Atlantik gelang, war jedoch rätselhaft – bis jetzt.

"Wir haben immer gewitzelt, dass der Erreger einfach rübergeschwommen sein könnte", sagt Johannes Krause von der Universität Tübingen. Nun ist daraus eine ernsthafte These geworden: Laut dem Paläogenetiker und seinen Kollegen haben nicht Menschen, sondern Seelöwen das Bakterium nach Amerika eingeschleppt, wie das Forscherteam im Magazin Nature berichtet (Bos et al., 2014).

Drei Skelette lieferten die entscheidenden Hinweise

Für ihre Studie haben die Wissenschaftler 68 um die 1.000 Jahre alte menschliche Skelette aus Peru untersucht, an denen für Tuberkulose typische Verletzungen der Wirbelsäule zu finden waren. In drei davon fand sich gut erhaltenes Erbgut des Tuberkuloseerregers. Der Vergleich dieser DNA mit Tuberkulose-Erbgut aus anderen menschlichen und tierischen Funden offenbarte, wie schnell sich das Bakterium über die Jahrhunderte verändert und in unterschiedliche Linien aufgespalten hat. Das Ergebnis ist ein Tuberkulosestammbaum, der gleich zwei Überraschungen bereithält:

Zum einen ist der Urvater aller bekannter Tuberkuloseerreger wesentlich jünger als gedacht. Er scheint vor rund 6.000 Jahren aufgetaucht zu sein, also erst Jahre, nachdem die Europäer über die Beringstraße nach Amerika gewandert waren, eine Landverbindung gab es nicht mehr.

Zum anderen ähnelt der 1.000 Jahre alte Erreger kaum jenem, der heute die Menschheit plagt. Das Bakterium scheint vielmehr eng verwandt zu sein mit den Stämmen, die sich heute in Seelöwen finden. "An gerade einmal fünf Stellen unterscheiden sich die beiden DNA-Sätze", erklärt Krause. Das komplette Erbgut des Tuberkuloseerregers besteht jedoch aus mehr als 53.000 Variablen.

Was genau die Analyse bedeutet, darüber sind sich Experten uneinig. Dass Menschen sich mit tierischer Tuberkulose, etwa von Seelöwen, anstecken können, ist keine neue Erkenntnis. Aber, so glauben die Forscher: Über die Jahrhunderte dürfte sich das ursprünglich an Tiere angepasste Bakterium durch Mutationen zu einer Variante entwickelt haben, die von Mensch zu Mensch übertragbar ist. So sei es zu den ersten Epidemien in Amerika gekommen. "Weitere Studien müssen unsere Vermutung belegen", sagt Krause. Dafür bieten sich DNA-Analysen von Skeletten an, die 100 Jahre jünger sind und im Norden des Kontinents gefunden wurden. "Sie zeigen ähnliche Tuberkuloseverletzungen." Passt dann noch die DNA, wäre dies ein starkes Indiz dafür, dass sich die Tuberkulose von da an unter Menschen auf dem amerikanischen Kontinent von Süden nach Norden ausgebreitet hat.

Wie kam es zu den ersten Epidemien?

Der Genetiker Roland Brosch, der nicht an der Studie beteiligt war und sich am Institute Pasteur in Paris seit Jahren mit Tuberkulose beschäftigt, steht der Studie zwiegespalten gegenüber. "Die Tuberkulose-DNA so sauber aus den alten Skeletten herauszuziehen, ist zweifellos eine Meisterleistung von Krause und seinen Kollegen", sagt er. Auch sei eindeutig, dass Seelöwen einen TB-Stamm in die Neue Welt gebracht hätten. In den wenigen Veränderungen im Erbgut des Erregers bereits die Ursache für erste Epidemien unter Menschen zu sehen, sei aber gewagt.

Zum einen hätten Studien zum Tuberkuloseerreger in Rindern gezeigt, dass Mutationen im Erbgut, die für eine Übertragung von Mensch zu Mensch sorgen, extrem selten auftreten (Gonzalo-Asensio et al., 2014). Zum anderen seien die drei in der Studie beschriebenen Skelette alle in Küstennähe gefunden worden: Es sei also am wahrscheinlichsten, dass sich die Ureinwohner an infiziertem Seelöwenfleisch angesteckt hätten.

Was jedoch fest steht: Im 16. Jahrhundert wurde eine Variante der Tuberkulose von spanischen Entdeckern nach Amerika eingeschleppt, die weit verheerendere Folgen hatte als das 1.000 Jahre alte Seelöwen-Bakterium.