Von den Krankenschwestern meiner Station bin ich erst beeindruckt: Harte Arbeit, frühes Aufstehen, die Gruppe hält zusammen. In der Freizeit feiern sie mit befreundeten Stationen. Es ist Donnerstag, Tag vier. Während des Frühstücks spreche ich die Schwestern auf die Keime an. Eine erzählt mir, kleinere Kliniken und Reha-Zentren könnten sich isolierte Räume nicht leisten, sie ignorierten die Problematik einfach. An der Charité gibt es verpflichtende Hygiene-Fortbildungen. Doch auch auf meiner Station sprechen die Schwestern nicht gerne über das Thema Keime. Das Problem wird tabuisiert.

Für Schwache lebensgefährlich

Nach Schätzungen infiziert sich in deutschen Krankenhäusern mindestens eine halbe Million Menschen jedes Jahr mit Keimen. Viele dieser Infektionen wären durch einfache Maßnahmen vermeidbar: eine regelmäßige und gründliche Reinigung und Desinfektion der Zimmer beispielsweise und die Isolation von infizierten Patienten. 

Multiresistente Erreger geraten häufig durch offene Wunden, einen Katheter oder eine Operation in die Blutbahn. Sind die Keime im Blut, ist der Patient infiziert. Weil die Keime resistent  gegen die meisten Antibiotika sind, sterben sie bei einer Behandlung nicht ab, sondern fressen sich durch krankes Gewebe oder vergiften das Blut. Vor allem für schwache, alte und sehr junge Menschen sind multiresistente Erreger in Krankenhäusern lebensgefährlich.

Einführung in die Hygiene am sechsten Tag

Nach sechs Tagen – da habe ich schon 40 Stunden ohne Hygieneeinweisung direkt mit Patienten gearbeitet – bekomme ich zum ersten Mal einen etwa 100 Seiten dicken Hygieneordner zur Ansicht. Darin sind die für die Station geltenden Regeln erfasst. 

Ich lerne beim Lesen: Bei direktem Kontakt mit isolierten Patienten und bei Kontakt mit seiner unmittelbaren Umgebung muss das Personal Schutzkleidung tragen, Kittel und Handschuhe. Das gilt auch für die Besucher. Unmittelbare Umgebung ist alles, was der Patient vom Bett aus erreichen kann. Mund-Nasenschutz müssen wir tragen, wenn wir mit einer "möglichen Kontamination" rechnen müssen, zum Beispiel wenn ein Patient niest oder wenn ein Patient vor unseren Keimen geschützt werden muss. Die unmittelbare Umgebung des isolierten Patienten muss täglich mit Desinfektionsmitteln gereinigt werden.

Schutzkleidung – mal so, mal so

Wenig später stehe ich also mit Mundschutz, Kittel und Handschuhen vor Jochen Schmidt*. Er liegt in einem isolierten Zimmer. Schmidt sagt, er habe sich bei einer Herztransplantation in der Charité mit MRSA infiziert, dem bekanntesten multiresistenten Keim. Er muss Immunsuppressiva nehmen, die sein Abwehrsystem ausschalten und dem Körper helfen, das neue Herz zu akzeptieren. Schmidt ist deshalb sehr schwach und anfällig für neue Keime. Während wir uns unterhalten, betritt eine Schwester das isolierte Zimmer – ohne Mundschutz, ohne Schutzkleidung.

Schmidt beschwert sich. "Niemand hat mir erklärt, was das für Keime sind. Jetzt habe ich mehrere Keime, aber ich weiß überhaupt nicht Bescheid." Das Personal halte sich nicht an die Vorschriften. "Wenn jemand das Zimmer betritt, ist die Schutzkleidung mal so, mal so. Sie sind der einzige, der immer den Mundschutz trägt." Mir wurde zwar gesagt, ich solle immer die gesamte Schutzkleidung anlegen, überprüft wurde das aber nicht.

Um die Keime solle ich mich erst kümmern, wenn ich die Berufswahl getroffen habe, sagt mir eine Schwester sogar. Es kämen so schnell so viele neue Erreger hinzu, dass niemand genau wisse, was gerade los sei. Eine andere Schwester sagt, ich müsse mir keine Sorgen machen: "So schnell geht das nicht. Nur die Patienten, da haben es manche heute nicht und morgen schon. Die Gefahr, sich anzustecken, ist gering. Viel wichtiger ist es, die Keime nicht auf der Station zu verteilen."

Neben dem Tragen von Schutzkleidung ist dafür die Desinfektion entscheidend. Vor und nach dem Betreten eines Zimmers solle ich die Hände desinfizieren, wurde mir gesagt, Aushänge auf der Station betonen die Wichtigkeit der Desinfektion. Doch in den zwölf Tagen zeigt mir niemand, wie man es richtig macht und wann: Das Desinfektionsmittel muss mindestens 30 Sekunden einwirken und soll erst vor dem direkten Patientenkontakt aufgetragen werden. "Handdesinfektion ist die entscheidende Maßnahme, um einen Transfer von Keimen auf den Patienten zu verringern", erläutert Hygiene-Experte Walger.

Isolation und Hygiene sind für Patienten lästig

In der zweiten Woche wird eine Patientin von einigen Krankenschwestern als alte Bekannte begrüßt, Küsschen links, Küsschen rechts. Sie kennt sich im Arbeitsraum der Schwestern besser aus als ich und weiß, in welchem Schrank die besten Pflaster liegen. Von dort holt sie sich selbst einen Ganzkörperspiegel und stellt ihn in ihr mit Tulpenduft parfümiertes Zimmer. Später stelle ich fest, dass es ein isoliertes Zimmer ist. Sie winkt ab, als ich sie darauf anspreche: Nicht so wichtig. Auch andere Patienten empfinden ihre Isolation als lästig.

Immer wieder sehe ich in diesen Tagen Maria Müller, die kakaotrinkende Patientin. Sie ist Anfang 40, in einem Abszess hat sie den ansteckenden, multiresistenten Keim VRE. Mit weißem Turban, eingefallenen Augen und im Bademantel schleicht sie über den Gang, ihr Körper ist tätowiert, die Stimme rau. Müller geht in einen unserer Arbeitsräume und legt ihren Bademantel auf den Kopierer. Vom Stapel auf dem Gang nimmt sie sich frische Wäsche. Sie macht auf einem der Holzstühle im Eingang der Station Rast und hangelt sich auf dem Rückweg in ihr Zimmer am Geländer des Ganges entlang. Sie desinfiziert sich nicht die Hände, Schutzkleidung trägt sie ohnehin nicht.