Jenna ist manchmal traurig. Trauriger, als man ist, wenn man einfach mal schlechte Laune hat oder ein Tag anders läuft, als man es sich wünscht. Sie fühlt dann gar nicht viel, vor allem keine Freude, kein Glück, meistens irgendwie nichts. Die Bloggerin aus Berlin, die eigentlich Jana Selig heißt, schrieb auf Twitter, wie es ist, wenn man Depressionen hat und die Traurigkeit so tief sitzt, dass man selbst nicht weiß, wo sie anfängt und wo sie wieder aufhört.   

Ihre Tweets, die sie unter dem Usernamen @isayshotgun schrieb, wurden zu einer Geschichte über die Krankheit. Darüber, wie man sich fühlt, wie wenig empfänglich man für gute Ratschläge ist, wie sehr einen Depressionen gefangen halten. "Der Auslöser war ein persönlicher", sagt Jenna ZEIT ONLINE. "Ich wurde durch eine Situation, die ich schon häufiger erlebt habe, getriggert und wollte mich eigentlich nur in einem Tweet darüber auslassen." Dann sei sie in einen nicht enden wollenden Schreibfluss geraten.

Viele Twitter-Nutzer fühlten sich angesprochen, teilten die Tweets, schrieben eigene dazu. Bald schon wurden sie unter dem Hashtag #notjustsad gebündelt, der schnell in den Twitter-Trends landete. Ähnlich wie bei der Sexismusdebatte, die erst durch Twitter und das Hashtag #Aufschrei zu einer gesellschaftlichen Diskussion über Sexismus im Alltag wurde.  

Das Hashtag trifft den Kern der Krankheit gut: nicht nur traurig. Denn Depressionen sind mehr als das. Betroffene leiden unter einer tiefen Niedergeschlagenheit, sie sind antriebslos und haben Probleme, positive Gefühle zu empfinden. Depressionen äußern sich bei jedem auf eine andere Art.

Nicht jeder Betroffene wird optimal behandelt

Die Weltgesundheitsorganisation spricht von einer weit verbreiteten psychischen Störung, "die durch Traurigkeit, Interesselosigkeit und Verlust an Genussfähigkeit, Schuldgefühle und geringes Selbstwertgefühl, Schlafstörungen, Appetitlosigkeit, Müdigkeit und Konzentrationsschwächen gekennzeichnet sein kann".

Nach Information der Stiftung Deutsche Depressionshilfe leiden in Deutschland etwa vier Millionen Menschen an einer Depression, die behandelt werden muss. Jeder fünfte Deutsche erkrankt demnach ein Mal im Leben daran. Die Krankheit ist in der Regel gut zu behandeln, in erster Linie durch Psychotherapie, gegebenenfalls auch durch Medikamente, manchmal durch eine Kombination aus beidem.

Doch nicht alle Betroffenen werden optimal therapiert. Das kann mit der fehlenden Energie der Erkrankten zu tun haben, mit der Angst vor Stigmatisierung oder schlichtweg, weil die Schwere der Erkrankung nicht erkannt wird.  

Auch die teilweise langen Wartezeiten für einen Therapieplatz verhindern eine optimale Versorgung. Eine Umfrage von ZEIT ONLINE im Sommer dieses Jahres hat ergeben, dass die Mehrheit der Betroffenen bis zu drei Monate auf einen Therapieplatz warten muss. Etwa ein Drittel sogar sechs Monate oder länger. Mehr als 3.000 Menschen hatten sich an der Umfrage beteiligt. 

Jenna selbst weiß nicht recht, wohin mit all dem. Mit der großen Resonanz auf ihre Tweets, auch nicht mit der Unterstützung. "Die Reaktionen freuen mich, auch deshalb, weil sie größtenteils so gut waren", sagt sie. "Aber sie überfordern mich auch." Auch das gehört zu einer Depression.

"Gestern fiel mir das Reden sehr leicht, heute fällt es mir wieder sehr schwer, mit all dem umzugehen. Also gehe ich sehr stark auf Rückzug."