Manche Vertreter der biologistischen Sichtweise etwa nehmen an, dass Pheromone den Hormonhaushalt des Vaters durcheinanderwirbeln, chemische Botenstoffe also, die vom Körper der schwangeren Partnerin ausgesendet und durch die Luft übertragen werden. Bei Tieren ist eine solche Verbindung vielfach nachgewiesen. Ob Menschen aber überhaupt ein Sinnesorgan haben, mit dem sie Pheromone wahrnehmen könnten, ist bis heute umstritten. Am plausibelsten erscheint Harald Werneck, dass es Wechselwirkungen zwischen psychischen Prozessen und dem Hormonspiegel gibt: "Bei Vätern, die offen für die Elternschaft sind und den Symptomen ihrer Partnerin mehr Aufmerksamkeit schenken, kommt es vermutlich auch auf physiologischer Ebene zu größeren Veränderungen."

Vergleichsweise einfach zu erklären – ganz ohne Hormonanalysen und Tiefenpsychologie – ist dagegen wohl das häufigste Symptom einer Parallelschwangerschaft: dass auch Männer an Gewicht zulegen, wenn ihre Partnerin in anderen Umständen ist. In der Onlineumfrage eines britischen Marktforschungsunternehmens, an der rund 5000 Männer teilnahmen, wog der väterliche Babybauch im Durchschnitt sogar mehr als sechs Kilo! Die Befragten hatten für diese partnerschaftlichen Fettpolster eine ganze Reihe von Erklärungen parat: Sie seien mit ihrer Lebensgefährtin öfter essen gegangen als sonst, im Haushalt hätten mehr Knabbereien und Süßkram herumgelegen, und ihre schwangeren Frauen hätten viel größere Portionen gekocht als üblich.

Äffchen mit Plauze

Inwieweit diese Erklärungen für das plötzliche Bauchwachstum ausreichen, sei einmal dahingestellt, tatsächlich aber teilen menschliche Väter dieses Schicksal mit ihren "Leidensgenossen" bei anderen Spezies. Wissenschaftler vom Primatenforschungszentrum im US-Bundesstaat Wisconsin berichteten 2006, dass auch bei zwei Arten von Krallenäffchen, nämlich den Weißbüschel- und den Lisztaffen, die Partner von trächtigen Weibchen schwerer werden. Manche Exemplare brachten kurz vor der Geburt sogar 20 Prozent mehr auf die Waage!

Bei beiden Arten kümmern sich die Männchen mindestens genauso viel um den Nachwuchs wie die Weibchen. Die Forscher vermuten, dass die zusätzlichen Gramm auf den Rippen die Äffchen fit für die Brutpflege machen. So müssen sie nach der Geburt etwa ständig ihre Jungen herumtragen, die bis zu einem Fünftel ihres eigenen Körpergewichts wiegen können. Das verbraucht viel Energie. Ob die Primatenväter sich ihre Reserven einfach durch größere Kalorienzufuhr anfuttern oder ob die Ko-Schwangerschaft vielleicht ihren Stoffwechsel verändert, ist noch unklar.

Erschienen auf spektrum.de © Screenshot ZEIT ONLINE

Hormonschwankungen, solidarische Kopfschmerzen, zusätzliche Speckpolster: Viele der Couvade-Symptome deuten schlicht darauf hin, dass sich die Männer auf die Zeit nach der Geburt und ihre neuen Aufgaben vorbereiten. Was letztlich nicht nur den Müttern zugutekommt, sondern auch dem Nachwuchs. Denn in den letzten Jahren häufen sich die wissenschaftlichen Erkenntnisse dazu, dass väterliches Engagement Kindern guttut: Übernimmt der Vater eine aktive Rolle in der Erziehung, haben sie seltener Schulprobleme, zeigen weniger Verhaltensauffälligkeiten und sind emotional ausgeglichener.

Sollte das noch kein ausreichender Trost für werdende Väter mit Couvade-Symptomen sein, dann vielleicht die Tatsache, dass genau wie bei den Müttern die meisten Symptome reversibel sind. "Sobald bei der Partnerin nach der Geburt wieder alles beim Alten ist, bessert sich das Befinden der Männer üblicherweise ebenfalls", sagt Harald Werneck. "Aber dass die überschüssigen Kilo nicht wieder verschwinden, soll es natürlich auch geben."