Dabei müsste es so weit nicht kommen. Während ökologisch bewirtschaftete Schweinebestände nur zu 26 Prozent mit MRSA besiedelt sind, wurde in einer Studie der Tierärztlichen Hochschule Hannover bei 92 Prozent der konventionell gehaltenen Schweine MRSA in der Nase gefunden. Das beweist, dass die Bedingungen in den großen Mastställen, wo 22 Hühnchen auf der Fläche eines kleinen Badetuchs ihr kaum sechs Wochen kurzes Leben fristen und 120 Kilo schwere Sauen in 0,75 Quadratmeter winzige Abferkelbuchten gezwängt werden, zur Keimentwicklung und -weitergabe maßgeblich beitragen.

Hier liegt das Dilemma der Massentierhaltung: Um noch etwas an seinen Hühnern zu verdienen, darf der Bauer keinen Tag länger brauchen und ihnen kaum mehr Platz zur Verfügung stellen. Durch die Enge gibt ein erkranktes Huhn seine Infektion leicht weiter an das nächste. Damit so wenig Tiere wie möglich daran sterben, mischen die Mäster oft Antibiotika in das Trinkwasser. Mit jeder Antibiotika-Behandlung steigt aber das Risiko von Resistenzen.

Es scheint fast unmöglich, diese Strukturen aufzubrechen. Denn keine Lobby in Deutschland ist so mächtig wie die Agrarlobby. Nirgends sind die Verflechtungen von Industrie und Politik so eng wie in der Landwirtschaft. Und nirgends sind sie so augenfällig wie in Niedersachsen.

Das Landvolk Niedersachsen, der wichtigste regionale Bauernverband Deutschlands, hat fast 40.000 Mitglieder. Zehn der 50 Milliarden Euro Umsatz der deutschen Landwirtschaft werden von seinen Bauern erwirtschaftet. Die bis 2013 amtierende schwarz-gelbe Landesregierung hat die Massentierhaltung jahrelang unterstützt. Bis zu 40 Millionen Euro jährlich sind allein an Subventionen für neue Ställe bis zum Regierungswechsel in das System geflossen, schätzt der BUND. Auch die Schlachtereien bekamen großzügige Hilfen in Millionenhöhe. Jeder Kritik am bestehenden System begegnet man hier mit den immer gleichen Worten: "Man darf das Tier nicht vermenschlichen." "Wenn wir es nicht so billig machen, macht es ein anderer." Und vor allem: "Der Verbraucher will es doch so."

Doch während in Deutschland die Besitzstandswahrer walten, hat man in anderen Ländern den Ernst der Lage begriffen. In Holland wurde eine unabhängige Überwachungsbehörde geschaffen, die den Antibiotika-Verbrauch bei Tierärzten und Bauern ständig vergleicht. Wer schlecht abschneidet, bekommt eine rote Ampel angezeigt, muss sofort etwas ändern und Strafe zahlen.

Gleichzeitig haben Kliniken dort ein komplexes System aus Keimüberwachung, Hygiene und gezieltem Antibiotika-Einsatz entwickelt. Damit konnten sie die Zahl der mit multiresistenten Keimen befallenen Patienten senken. Vor allem aber halten sie so die Waffe Antibiotika scharf. 

Die Dänen begannen Mitte der neunziger Jahre als erste in Europa, die Antibiotika-Verbrauchsdaten in der Landwirtschaft zu sammeln. Sie zwangen die Bauern schon früh, auf Reserve-Antibiotika zu verzichten. In diesem Monat wird in Kopenhagen sogar ein Gesetz vorbereitet, das Kindern und Jugendlichen jeglichen Besuch von Tiermastanlagen aus gesundheitlichen Gründen verbietet. Bauernhöfe sind zu Hochsicherheitstrakten geworden.

Den vollständigen Datensatz mit allen Diagnosen und Fällen nach Landkreisen finden Sie hier aufbereitet in einem offenen Dokument.

Von Kai Biermann, Paul Blickle, Klaus Brandt, Daniel Drepper, Philip Faigle, Christian Fuchs, Anne Kunze, Haluka Maier-Borst, Stephan Lebert, Daniel Müller, Karsten Polke-Majewski, Sascha Venohr, Fritz Zimmermann

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