Versteckt sich tief im Erdreich die nächste Generation von Antibiotika? Hoffentlich, denn seit Jahrzehnten verlieren die Allzweckwaffen der Medizin ihre Wirkung gegen gefährliche Bakterien. Die Keime haben sich an die Wirkstoffe gewöhnt, sie sind resistent geworden. 

Ärzte und Forscher wissen darum. Doch noch immer werden Antibiotika viel zu häufig und unbekümmert verschrieben, zum Teil sogar falsch verwendet. Die Mittel sind so weit verbreitet, dass sich rasant mutierende Krankheitserreger immer effizienter vor ihnen schützen können. Recherchen von ZEIT ONLINE, DIE ZEIT und CORRECT!V haben erst kürzlich ergeben, dass allein in Deutschland jedes Jahr wohl Tausende mehr Menschen an den Folgen solcher Keiminfektionen sterben als offiziell bekannt. Das Auffinden neuer Antibiotika drängt.

Wissenschaftler um die Genetikerin Losee Ling hat die Suche nach den dringend gebrauchten neuen medizinischen Waffen nun zurück zu den Ursprüngen der Antibiotikaforschung geführt. Sie blickten wieder in die Natur, genau genommen ins Erdreich und haben Tausende Bakterienstämme, die dort leben, durchforstet, um geeignete Killer für krankheitserregende Keime zu finden. Der Ansatz ist nicht neu. Aus Mikroben im Untergrund fischten Forscher schon erfolgreiche Bausteine für spätere Antibiotika. Nun könnte sich das erneut als hilfreich erweisen.

Denn Ling und ihr Team von der US-amerikanischen Pharmafirma NovoBiotic haben im Erdreich ein neues Antibiotikum entdeckt, das gegen einen der am weitesten verbreiteten Krankheitserreger Wirkung zeigte: Staphylococcus aureus, zu denen auch der Krankenhauskeim MRSA gehört (Ling et al., 2015). Der isolierte Wirkstoff namens Teixobactin ist möglicherweise so potent, dass infektiöse Keime wieder Jahrzehnte bräuchten, um sich breit gegen ihn zur Wehr zu setzen.

Teixobactin attackiert krankmachende Bakterien anders als die meisten Antibiotika. Oft greifen die Antibiotika die Eiweiße von Keimen an. Diese verändern sich aber rasant, mutieren und entwickeln Resistenzen. Teixobactin hingegen schädigt die starre, schützende Hülle von Bakterien, wodurch diese nicht mehr überlebensfähig sind. Getestet haben die Forscher den Stoff nicht nur an Staphylococcus aureus, sondern auch an dem Keim Streptococcus pneumoniae, der Lungenentzündungen auslöst.

Im Labor gelang es den Teixobactin-Entdeckern zudem nicht, gezielt resistente Bakterien gegen den neuen Wirkstoff zu züchten. Damit sei das Mittel aus dem Untergrund ähnlich widerstandfähig wie Vancomycin, mutmaßt der Biochemiker Gerard Wright in einem Begleitartikel zur Studie von Ling im Magazin Nature. Dieses ist dafür berühmt, dass sich erst 30 Jahre nach seiner Entdeckung 1953 und seinem Einsatz in der Klinik erste Resistenzen entwickelten (Leclercq et al., 1988). Neueren Mitteln widerstehen Keime schon nach wenigen Jahren.

Unbeteiligte Forscher werten die Entdeckung als Erfolg – mit Einschränkungen. "Es ist ein Schritt nach vorn", sagt Neil Woodford, der im britischen Gesundheitswesen die Abteilung für Antimikrobielle Resistenzen leitet. Allerdings helfe Teixobactin nicht gegen Infektionen von Bakterien wie E.coli oder Klebsiella, die bereits für eine Vielzahl heutiger Resistenzen verantwortlich sind.

Bislang hat Teixobactin sein Können nur im Mausversuch gezeigt. Giftige Nebenwirkungen beobachteten die Forscher dabei zwar nicht, ob der Wirkstoff auch in menschlichen Zellen Keime abwehrt, ist aber noch nicht untersucht. Bis dahin, wird noch einige Zeit vergehen. "Potenzielle Wirkstoffe in die Zulassung zu begleiten, ist ein langer, kostspieliger und schwieriger Prozess." Der aber nötig sei, sagt Woodford.