Ein Tag nachdem meine Mutter gestorben war, schenkte mir unser Französisch-Lehrer ein Sträußchen Schlüsselblumen. Ich empfand das als tröstende Geste in einer Zeit, die neben dem dumpfen Schmerz der Trauer von Sprach- und Fassungslosigkeit geprägt war. Meine Mutter war 40 Jahre alt gewesen. Und plötzlich war sie einfach nicht mehr da. Angelika Burger hinterließ einen 20-jährigen Sohn und eine 14-jährige Tochter. Mich. Und einen Mann, der sie gerade eben das zweite Mal heiraten wollte.

Das ist 25 Jahre her, und ich bin mir eigentlich ziemlich sicher: Ich bekomme diese Krankheit nicht. Diese Krankheit, an der eine von zehn Frauen im Laufe ihres Lebens erkrankt. Nun ist da aber dieser Geburtstag, den ich vor Kurzem begangen habe – der 40. Und plötzlich mehren sich die Momente, in denen sich Zweifel und Ängste einschleichen. Welche Chancen hätte ich, wenn ich einen Tumor diagnostiziert bekäme? Immer wieder liest man ja von großartigen Fortschritten in der Krebsmedizin. Wäre ich wirklich besser dran als meine Mutter?

Schaut man sich verschiedene Statistiken an, so ist die Mortalitätsrate unter Brustkrebskranken in Industrieländern tatsächlich seit Anfang der 1990er Jahre gesunken. Die Zahlen schwanken dabei zwischen 15 und 25 Prozent.

Laut recht optimistischen Schätzungen des Berliner Robert-Koch-Instituts und Forschern vom Deutschen Krebsforschungszentrum in Heidelberg überleben 87 Prozent der Patientinnen (Annals of Oncology, Hiripi et al., 2012) ein Mammakarzinom, Mitte der achtziger Jahre waren es nur 69 Prozent.

Die bessere Prognose liegt zum einen am flächendeckenden Mammografie-Screening, das es in den 1980er Jahren noch nicht gab. Es wurde in Deutschland 2002 eingeführt. Allerdings wird in der Fachwelt heftig gestritten, in welchem Umfang die Reihenuntersuchung zu den besseren Überlebenschancen beiträgt – schließlich gibt es auch Länder ohne Screening, in denen die Sterblichkeitsraten zurückgingen. Und es kommt relativ häufig zu falschem Alarm durch die Untersuchung, sprich: Frauen mit einem harmlosen Knoten in der Brust wird unnötig Angst eingejagt durch den Verdacht auf einen Tumor. Auch, dass gefährliche Tumore übersehen werden, kommt vor.

Mit meiner Familiengeschichte wird mir jedenfalls geraten, jährlich zur Mammografie zu gehen – ich habe statistisch besehen ein zwei- bis dreimal so hohes Erkrankungsrisiko. Allerdings gehe ich in Wahrheit nicht so oft, da ich doch Respekt vor der Belastung durch Röntgenstrahlung habe. Und natürlich habe auch ich Angst vor einem auffälligen Befund. Selbst wenn der sich als Fehlalarm entpuppen sollte. Aber natürlich könnte ein Geschwulst nur so frühzeitig gefunden werden, sodass es noch gut behandelbar wäre.  

1986 – ein bösartiger Knoten, groß wie eine Aprikose

Meine Mutter ging erst spät, wahrscheinlich zu spät, in eine Klinik zur genaueren Diagnose. Im Skiurlaub im Januar des Jahres 1986 hatte der Knoten in ihrer Brust bereits die Größe einer Aprikose erreicht. Meine Mutter war jedoch stets umtriebig und optimistisch: "Das ist nichts Schlimmes", war sie überzeugt. Schon oft hatte sie Zysten, gutartige Wucherungen, in der Brust gehabt, die sich immer wieder zurückgebildet hatten.

Doch dieses bildete sich nicht zurück, das vermeintlich gutartige Geschwür entpuppte sich als bösartig. Krebs. Bereits während der Operation, die das Unheimliche durch eine histologische Auffälligkeit aufdeckte, wurde die linke Brust amputiert. Zudem wurde vorsorglich eine Menge Lymphgewebe unter dem Arm weggeschnitten. Nur eine Woche später musste auch die rechte Brust abgenommen werden.

Heute würde wohl einiges anders laufen. Wird ein bösartiger Tumor in der Brust entdeckt, gibt man häufig bereits vor der Operation Chemotherapeutika (Ärzte nennen das neoadjuvant), was dazu geführt hat, dass seltener amputiert werden muss. In 80 Prozent der Fälle kann der Tumor entfernt, die Brust erhalten werden – ein wichtiger Fortschritt, da so der weibliche Körper zumindest dem Anschein nach unversehrt bleibt.

Das Lymphgewebe unter der Achsel wird nur noch dann radikal entfernt, wenn der sogenannte Wächterlymphknoten bereits Tumorzellen aufweist. So bleiben vielen Patientinnen unangenehme, schmerzhafte Schwellungen (Lymphödeme) erspart. Bei meiner Mutter hatte sich ein solches Ödem unter dem rechten Arm gebildet. Zur Linderung erhielt sie Lymphdrainagen.

Im Jahr, als Tschernobyl den GAU erlebte

Nicht genug, dass plötzlich eine solche Krankheit das Leben unserer Familie beherrschte. In diese schockierenden Tage fiel auch das Datum des 26. April 1986. Der Tag, als im ukrainischen Tschernobyl ein Atomkraftwerk explodierte und halb Europa radioaktiv verseuchte. Wir wohnten in München.

Dieser GAU trug nicht gerade zur Entspannung der Lage bei, meine Mutter reagierte panisch. Wir Kinder durften keine Milch mehr trinken, eingekauft wurde im Bioladen, die Schuhe vor der Tür abgestellt. Der Kampf gegen alles, was der Gesundheit abträglich sein könnte, hatte begonnen. Das Rauchen hatte meine Mutter schon einige Jahre früher aufgegeben. Sie begann Akkordeon-Unterricht zu nehmen. Beruflich trat sie kürzer.