So ist noch immer häufig zu hören, Vakzinen könnten zu Autismus führen. Einer aktuellen Umfrage zufolge sind zum Beispiel 20 Prozent der jungen Erwachsenen in den USA fest von dieser Annahme überzeugt. Dabei fußt diese Angst auf den gefälschten und manipulierten Daten nur eines Mannes – Andrew Wakefield. In einer Studie im renommierten Magazin Lancet veröffentlichte der Mediziner Ergebnisse, die Impfgegner bis heute zitieren und Laien verunsichern. 1998 beschrieb Wakefield darin einen vermeintlichen Zusammenhang zwischen dem Kombinationsimpfstoff gegen Masern, Mumps und Röteln (MMR) und Autismus (Wakefield et al., 1998). Erst 2010 wurde die Studie endgültig zurückgezogen. Mit seiner Firma wollte er einen Test auf die frei erfundene, impfspezifische Autismus-Erkrankung vermarkten


Gleich mehrere Studien konnten nach Wakefields Betrug nie eine Verbindung zwischen der MMR-Vakzine und Autismus herstellen. "Die Masernimpfung wurde seit mehr als 40 Jahren millionenfach weltweit geimpft und gilt als sehr sicher", sagt Matysiak-Klose vom RKI. Es gilt als nachgewiesen, dass die Wahrscheinlichkeit, Autismus, Asthma, eine Multiple Sklerose, Diabetes oder Morbus Crohn aufgrund der Impfung zu bekommen, nicht erhöht ist (Demicheli et al., 2012).

Wer Krankheiten durchmacht, lebt nicht gesünder

Hartnäckig hält sich der Irrglaube, Infektionen würden Kinder "abhärten", wer Krankheiten durchmache, stärke damit sein Immunsystem. Wissenschaftliche Belege dafür gibt es nicht. Selbst wenn es so wäre, dass der Kontakt zu Erregern die körpereigene Abwehr "trainiert", würde die Impfung mit unschädlich gemachten Erregern diesen Booster ebenfalls liefern, sagen Infektionsmediziner vom RKI. Denn auch die Impfung setzt eine Immunantwort in Gang. Umgekehrt ist erwiesen, dass der Ausbruch aller Erkrankungen, gegen die heute standardmäßig geimpft wird, schwere Folgen auf die Entwicklung eines Kindes haben kann. Manche Infektionen schädigen Organe sogar dauerhaft.

Auch das Argument vieler Eltern, sie hätten als Kinder doch selbst Masern, Röteln, Windpocken oder Mumps gehabt und es heil überstanden, trägt nicht weit. Ein Beispiel: Etwa eines von 1.000 Kindern, die an Masern erkranken, erleidet eine Entzündung des Gehirns, die Masern-Enzephalitis. Diese führt häufig zu bleibenden Hirnschäden oder verläuft sogar tödlich. Zwar tritt so eine Entzündung nach Informationen des RKI auch in etwa einem von einer Million Fällen nach der Impfung auf – das ist jedoch tausendmal seltener als unter der Erkrankung selbst. Ähnliche Beispiele gibt es für andere Erreger und ihre Folgen. Fazit: Auch wenn schwere Folgen durch Kinderkrankheiten selten sind, ist das kein Argument gegen Impfungen.

Krankheiten bleiben, wenn nicht geimpft wird

Der Schaden, den die Manipulationen von Wakefield angerichtet haben, ist groß. 1988 hatte etwa Großbritannien die kombinierte Impfung gegen Masern, Röteln und Mumps eingeführt. Auffallend stark war in den folgenden Jahren die Zahl der Erkrankten gesunken. Man hoffte, die Krankheiten ausrotten zu können. Doch dann veröffentlichte Wakefield seine Studie und das Misstrauen in der Bevölkerung wuchs. Bis heute ist es unter Eltern präsent.

Noch 2004 lag die Impfrate im Vereinigten Königreich nur bei 80 Prozent. Weil der Schutz vor den Erregern fehlte, erkrankten Tausende Menschen. Noch 2010 war die Impfrate nicht auf dem Niveau von 1998. Heute liegt sie bei rund 93 Prozent, wie aus dem letzten Bericht des britischen Gesundheitsministeriums hervorgeht.  

Die Angst vor der Vakzine ist auf Kosten der Sicherheit gegangen. Das gilt nicht nur für die Masern-Impfung in Großbritannien. Ein zu frühes Nachlassen von Impfungen lasse Krankheiten wieder aufleben, sagt Matysiak-Klose vom RKI und verweist auf den Ausbruch der Kinderlähmung in Syrien. "Eine sichere Immunität in der Bevölkerung muss über Jahre bestehen." Nur dann lassen sich gefährliche Erreger dauerhaft bekämpfen.

Keine Impfung ist ohne Risiko, aber nicht zu impfen, schadet mehr

All das bedeutet nicht, dass es nicht zu Nebenwirkungen kommen kann. Schwere Komplikationen sind allerdings extrem selten. Die US-Seuchenbehörde CDC hat einige Daten zur Masern-Impfung ausgewertet: Demnach ergaben neue Studien, dass im Durchschnitt etwa eines von 10.000 Kindern, die im Alter zwischen zwölf und 23 Monaten drei separate Spritzen gegen Masern, Mumps und Röteln bekamen, vier Fieberkrämpfe erlitten – in einem Zeitraum zwischen fünf und zwölf Tagen nach der Impfung. Wurde der MMS-Kombinationsimpfstoff gegeben, war das Risiko dafür doppelt so hoch. 

Eine sehr seltene, vor allem in den sechs Wochen nach einer Impfung häufiger (bei etwa einem vom 40.000 geimpften Kindern) auftretende Erkrankung ist die erworbene Thrombozytopenie (ITP), bei der die Blutgerinnungsfunktion des Körpers gestört ist. Symptome sind schwer zu stoppende Blutungen sowie Blutergüsse und Einblutungen in der Haut. Die Autoimmunerkrankung kann ebenso als Folge natürlicher Masern-Infektion auftreten. Normalerweise ist die ITP nicht lebensbedrohlich, allerdings können Transfusionen zur Therapie notwendig werden.

Statistiken und Studien aus Deutschland zu Impfschäden, unerwünschten Nebenwirkungen und normalen Nebeneffekten stellt das RKI auf seinen Seiten zur Verfügung. Das PEI sammelt Verdachtsfälle auf Impfkomplikationen außerdem in einer eigenen Datenbank.

Wesentlich bei der Abschätzung vom Nutzen und Risiko von Impfungen ist: Die Perspektive des Einzelnen steht dem Wohl der Allgemeinheit gegenüber. Es kommt vor, dass Kinder nach einer Impfung eine seltene Folgeerkrankung bekommen. Lassen aber zu viele Eltern aus Angst davor ihr Kind nicht impfen, steigt die Gefahr für alle – Erreger verbreiten sich. Das trifft dann viel mehr Menschen. Indirekt steigt somit das Gesundheitsrisiko für das eigene Kind, das man mit dem Verzicht auf eine Impfung mindern wollte. Es mag für Eltern verführerisch sein, der Sorge vor Impfschäden nachzugeben. Immer wiederholte Argumente, verstreute Info-Fragmente, die Angst machen, verunsichern zudem. "Solange alle andern Kinder geimpft sind, muss meins ja kein Risiko eingehen", denkt mancher. Doch das ist sehr kurz gedacht.